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#82 Wenn eine Familie verschwindet

Shownotes

Ein Mädchen, das auf ein vergittertes Fenster starrt. Eine Türe, die in der Nacht eingeschlagen wird. Und eine Frau, die auf mysteriöse Weise verschwindet. Heute – bei Spurlos.

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Redaktion Sylvia Lutz Natalya Prokhorenko

Ton Migo Fecke (Soundhouse Tonproduktionen GmbH)

Eine Produktion der StellaLuisa GmbH In Zusammenarbeit mit Endemol Shine Germany und Rainer Laux Productions

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Transkript anzeigen

00:00:01: Ein Mädchen, das auf ein vergittertes Fenster start.

00:00:04: Eine Türe,

00:00:05: die in der Nacht eingeschlagen

00:00:07: wird.

00:00:08: Und

00:00:08: eine Frau,

00:00:09: die auf mysteriöse Weise verschwindet.

00:00:12: Heute

00:00:13: bei

00:00:13: Spurlos.

00:00:24: So, da sitzen wir wieder.

00:00:25: Guten Morgen.

00:00:26: Guten Morgen, Selvi.

00:00:27: Guten

00:00:28: Morgen, Julia.

00:00:30: Wir können eigentlich auch direkt einsteigen.

00:00:32: Ja, sonst ist sie auch ein bisschen still, wenn wir

00:00:34: nicht starten.

00:00:36: Ein Start mit was?

00:00:37: Uns erreichen ständig Briefe und Mails und Sprachnachrichten mit Fragen an dich.

00:00:41: Haben wir schon einige hier behandelt und jetzt kam wieder eine Frage.

00:00:46: Und die würde ich dir gerne stellen und auch mich interessiert mal wieder, was du darauf antwortest.

00:00:52: Okay.

00:00:53: Stefanie, forty Jahre, schreibt Folgendes.

00:00:56: Mich würde interessieren, schreibt Stefanie, wie du zum Thema Freundschaft stehst.

00:01:01: oder besser gesagt, ich würde gerne wissen, ob du der Meinung bist, dass man Freundschaften beenden darf.

00:01:07: Was ist, wenn man über die Zeit spürt, dass man sich total auseinandergelebt hat?

00:01:12: Wenn man nicht mehr gleich tickt, sollte man dann um eine Freundschaft kämpfen und festhalten oder nicht?

00:01:19: So.

00:01:20: Jetzt haben wir auch mal vorher schicken können.

00:01:22: Spontanität ist ja hier unser großes Motto.

00:01:25: Ich gehe mal eine halbe Stunde überlegen und Migo schneidet die Pause raus einfach.

00:01:31: Okay.

00:01:32: Also Kern der Frage ist ja, ob man eine Freundschaft weiterführen sollte.

00:01:37: Das höre ich daraus.

00:01:38: Sie scheint da irgendwie im Zweifel zu sein, wenn man nicht mehr gleich tickt und so.

00:01:42: Genau,

00:01:42: oder sich auseinander entwickelt hat, wie sagt

00:01:45: sie das?

00:01:45: Verstehe.

00:01:46: Also, was mir als Erstes dazu einfällt, ist, wie wichtig mir mittlerweile, und das war mir früher gar nicht so bewusst, wie wichtig mir in meinem Leben mittlerweile Freundschaft ist, also ein ganz wichtiges Thema.

00:02:00: Ich glaube sogar heute, dass Freundschaft je nachdem sogar Familie sein kann, so würd ich es definieren.

00:02:07: Und klar, es gibt ganz verschiedene Arten von Freundschaft.

00:02:11: Also zum Beispiel diese Kategorie, die man nur selten sieht, die man vielleicht aus Kindertagen oder aus der Schulzeit hat.

00:02:20: Da siehst du dich ja je nach Wohnort sehr selten.

00:02:24: Das sind dann so, bei mir ist das dann, das ist die Cookie, wer oft spurlos hört, der kennt den Namen.

00:02:32: Da ist es dann so, ja, vielleicht haben sich die Leben auch verschieden entwickelt und man hat vielleicht nicht immer die Alltagsthemen, weil man sich im Alltag gar nicht so begegnet, aber wenn wir uns sehen und da vergeht auch mal einige Zeit dazwischen, dann ist es immer so ein komplett nahtloses Anknüpfen und es hat, glaube ich, In dem Fall, ganz viel damit zu tun, dass man diese gleichen Wurzeln hat, weißt du?

00:02:58: Dass man eine Geschichte teilt, ein Teil des

00:03:00: Weges

00:03:01: zusammengegangen ist.

00:03:02: Genau,

00:03:02: also da bin ich mir zum Beispiel hundert Prozent sicher, das ist eine Freundschaft fürs Leben und das wird immer so sein.

00:03:12: immer ein weiteres anknüpfen, also so eine Kategorie für sich.

00:03:15: Und dann gibt es natürlich auch andererseits Freundschaften im erwachsenen Alter, fangen die erst an, also du lernst jemanden im Studium kennen oder bei der Arbeit und dann ist es vielleicht sogar einige Jahre sehr intensiv und ich würde mal sagen sehr im Gleichklang schon durch das, was du da gemeinsam gleich tust.

00:03:33: Und dann gibt es aber auch da mal eine Entwicklung, also das ist mir auch schon passiert, dass man sich dann eben in andere Richtungen entwickelt.

00:03:41: Sehr verschieden und dadurch auch sehr anders tickt und irgendwie so auf einmal das Gefühl hat man blickt anders auf die Welt.

00:03:50: Weißt du, was ich meine?

00:03:51: Ja, ich weiß genau, was du meinst.

00:03:53: Und jetzt ist die Frage, welche Art von Freund meint unsere Stefanie?

00:03:58: Ja, also ich könnte mir schon vorstellen, die zweite Art, weil die erste Art verliert man, glaube ich, selten.

00:04:05: Also da müsste dann irgendein ganz schlimmer Vertrauensbruch so ein großer Kneipassieren.

00:04:09: Aber was halt schon passieren kann, finde ich bei dieser zweiten Art von Freundschaft, wie du es jetzt genannt hast.

00:04:18: Beobachtet es manchmal, dass es bei Frauen passiert, an irgendeinem Punkt, wenn es halt noch keine anscheinend richtig tiefe Freundschaft ist.

00:04:26: Also ich finde, das zeigt sich dann, wenn so ein Vergleichen anfängt, unterschwellig zwischen Frauen, vielleicht sogar eine gefühlte Konkurrenz.

00:04:36: Also das ist dann natürlich eine schmerzhafte, eine traurige Entwicklung.

00:04:41: Aber wenn man nach so einem Treffen jedes Mal dann so ein Ungutes Gefühl hat.

00:04:49: Und es gibt so ein, zwei Bemerkungen, die einen eigentlich entweder geärgert haben oder wo man so, wie ich das dann immer sagt, drüber stolpert und sich vielleicht denkt, sagt ein Freund sowas, was bedeutet das?

00:05:02: Das ist dann immer so ein Warnzeichen, finde ich, für eine Freundschaft.

00:05:07: Und ja, wenn du dich jedes Mal triffst und danach eher kein gutes Gefühl hast, finde ich es auch legitim, so eine Freundschaft dann irgendwann zu hinterfragen bzw.

00:05:19: zu beenden.

00:05:21: Das muss jetzt nicht unbedingt in der Feindschaft sein, das finde ich natürlich keine gute Variante, aber es ist eigentlich, finde ich, ähnlich wie in einer Liebesbeziehung.

00:05:30: Das ist dann zwar traurig, aber das war dann einfach so ein Lebenskapitel.

00:05:35: Also ich glaube schon, Das Sprichwort, alles hat seine Zeit, dass das manchmal auch für bestimmte Freundschaften gelten kann.

00:05:44: Also Trennungen sind erlaubt in der Liebe und in der Freundschaft.

00:05:48: Auf jeden Fall.

00:05:50: Aber ich möchte da gar nicht so negativ rausgehen.

00:05:52: Selbst wenn es passiert, ich bin ganz sicher, man kann gute Freundschaften führen.

00:05:58: Man muss Freundschaften pflegen.

00:06:00: Und ich glaube, für jeden kann es da draußen gute Freunde geben.

00:06:04: Und das wünsche ich jedem.

00:06:06: Freunde um sich herum.

00:06:07: Und man muss sie nur finden, die Diamanten.

00:06:11: So würde ich enden wollen.

00:06:12: Enden, aber vor dem Anfang.

00:06:14: Weil jetzt geht es erst los mit unserer Geschichte natürlich.

00:06:17: Ja, heute erzählt uns Caroline ihre Geschichte.

00:06:20: Caroline ist vierundsechzig Jahre alt und sie sagt, meine Kindheit war geprägt von Verlusten.

00:06:26: Und sie sagt weiter, ich musste all die Menschen loslassen, die ich am meisten geliebt habe.

00:06:31: Ja und loslassen, das hieß für Caroline damals, für immer loslassen.

00:06:36: Denn auf rätselhafte und für sie unerklärliche Weise verschwinden ihre Lieben nach und nach und Caroline versteht nicht, was davor sich geht.

00:06:45: Aber als Caroline älter ist, beginnt sie zu begreifen, dass ihr Leben nicht nur aus dem besteht, was sie verloren hat, sondern auch aus dem, was ihr geblieben ist, nämlich aus der Fähigkeit zu lieben, und aus der Kraft weiterzugehen.

00:06:59: Und Caroline bricht auf und sie macht sich auf eine lange Suche.

00:07:06: Es ist Winter.

00:07:07: Winter in Hamburg im Jahr nineteenhundertvierundsiebzig.

00:07:11: Ein Mädchen geht die Straße entlang.

00:07:13: Es ist etwa dreizehn Jahre alt und es kommt gerade aus der Schule.

00:07:17: Das ist leicht zu erkennen, denn das Mädchen trägt einen Ranzen auf dem Rücken und einen Turnbeutel in der Hand.

00:07:24: Dieses Mädchen heißt Caroline.

00:07:26: Caroline friert.

00:07:28: Ihre Jacke ist zu dünn für die niedrigen Temperaturen und den eisigen Wind, der heute durch die Straßen der Stadt sieht.

00:07:35: Er wirbelt das nasse Laub vom Boden auf und Karolin versucht, ihren Schal enger zu ziehen, um sich zu schützen.

00:07:43: Auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig erkennt Karolin zwei Klassenkameradinnen.

00:07:48: Sie gehen dicht nebeneinander und sie lachen.

00:07:52: Dann beugen sie die Köpfe zueinander, als würden sie sich ein Geheimnis erzählen.

00:07:56: Die Mädchen auf der anderen Straßenseite scheinen nicht zu frieren, denn sie tragen dicke, warme Jacken, bunte Handschuhe und ihre Wollmützen sitzen tief in ihren Gesichtern.

00:08:08: Caroline stellt sich vor, wie die beiden sich auf zu Hause freuen, wie sie gleich klingeln werden, wie die Tür aufgeht und ihre Mutter sie mit einem herzlichen Lächeln empfängt.

00:08:19: In der Wohnung der beiden Mädchen ist es herrlich warm.

00:08:22: So malt Caroline sich das aus.

00:08:24: Und es riecht nach frisch gebackenem Kuchen.

00:08:27: Die Mutter freut sich und sie fragt, wie war euer Tag?

00:08:31: Caroline versucht nun, ihren alten Schal über ihre Ohren zu schieben, um sich gegen den Wind zu schützen.

00:08:38: Wenn sie nach Hause kommt, wird niemand öffnen.

00:08:41: Sie wird den Schlüssel aus der Tasche holen und die Türe selbst aufschließen.

00:08:46: In der Wohnung wird es ganz still sein.

00:08:49: Kein Mittagessen wartet, kein Kuchen steht auf dem Tisch.

00:08:53: Und ihre Mutter wird nicht auf sie warten.

00:08:56: Wahrscheinlich wird sie auch zum Abendessen nicht nach Hause kommen.

00:08:59: Und wenn ihre Mutter dann irgendwann die Wohnung betritt, dann wird sie nicht fragen, wie war dein Tag.

00:09:06: Carolin bleibt stehen.

00:09:08: Der Wind zerrt an ihrem Schal, aber sie friert nicht mehr.

00:09:12: Denn in diesem Moment auf dieser kalten Hamburger Straße spürt sie zum ersten Mal, dass sie nicht mehr bereit ist, nur zuzusehen.

00:09:21: In diesem Moment trifft Caroline eine Entscheidung.

00:09:25: Eine Entscheidung, die ihr ganzes Leben verändern wird.

00:09:28: Caroline

00:09:29: beschließt, zu kämpfen.

00:09:31: Zu kämpfen und zu suchen.

00:09:33: Sie möchte all die Menschen, die sie im Lauf ihrer Kindheit verloren hat, wiederfinden.

00:09:39: Diese Menschen, die nach und nach auf mysteriöse

00:09:43: Weise

00:09:43: spurlos verschwunden sind.

00:09:46: Es wird noch ziemlich genau fünfzeig Jahre dauern, bis sich Karolins Lebensweg mit meinem kreuzt.

00:09:53: Sie wird mich bitten, ihr zu helfen.

00:09:55: Bei diesem Kampf, bei dieser Suche, die sie nie aufgegeben hat.

00:10:00: Aber davon ahnt Karolin natürlich noch nichts, als sie in der fielzudünnen Jacke in diesem Wintersturm in Hamburg auf einer Straße steht.

00:10:11: Sie zieht ihren Schal jetzt fest um sich, richtet sich auf, Und sie geht

00:10:15: weiter.

00:10:21: Dieses Mädchen, das da im Jahr nineteenhundertvierundsiebzig von der Schule nach Hause geht, das trägt schon eine Last auf den Schultern, die für ein dreizehnjähriges Kind definitiv zu schwer ist.

00:10:32: Denn Caroline hat nach und nach ihre gesamte Familie verloren.

00:10:36: Alle sind verschwunden und Caroline ist jetzt ganz allein.

00:10:40: Sie versteht nicht, was da vor sich geht, aber Tatsache ist, auf rätselhafte Weise scheinen alle ihre Lieben wie vom Gerdboden verschluckt zu sein.

00:10:50: Man kann das nicht im Worte fassen.

00:10:53: Man kann das nicht im Worte fassen.

00:10:54: Das ist einfach nur ganz förderlich.

00:10:59: Wo sind Sie?

00:11:00: Und diese Sehnsucht nach diesen Menschen, die mir einfach so viel bedeutet haben, nie loszulassen?

00:11:09: Ja, ich war nicht komplett.

00:11:12: Caroline ist verzweifelt, aber dennoch geht sie weiter.

00:11:15: Schritt für Schritt, trotz der Kälte, trotz des Windes und trotz der Einsamkeit, die sie zu Hause erwartet.

00:11:22: Denn irgendwo in ihr ist noch etwas, das nicht gebrochen wurde.

00:11:26: Etwas, das Caroline wenige Tage später dazu bringen wird, sich allen zu stellen, was sie verloren hat.

00:11:33: Caroline wird über sich hinauswachsen.

00:11:36: Sie ist erst dreizehn Jahre alt, aber sie wird kämpfen, wie eine Kriegerin.

00:11:41: sehr unerschrocken.

00:11:43: Sie wird nicht aufgeben und sie wird Antworten finden.

00:11:46: Sie wird Menschen wiederfinden.

00:11:48: Doch sie wird immer ihr Leben lang eine Suchende bleiben.

00:11:52: Caroline wird in der Jüngste von drei Schwestern geboren.

00:11:58: Eine ihrer frühsten Erinnerungen ist die Trennung ihrer Eltern.

00:12:01: Also schon am Anfang ihres Lebens geht es um Abschied, um Abwesenheit und um Sehnsucht.

00:12:08: Die kleine Caroline kann nicht wissen, dass der Moment, in dem sie ihren Vater zum letzten Mal umarmt, nur der Auftakt

00:12:13: ist.

00:12:14: Der Auftakt zu einer Reihe von Verlusten, die ihr Leben noch prägen werden.

00:12:19: Ich kann mich noch dran erinnern, dass mein Vater uns damals bei diesem Umzug nach Hamburg geholfen hat.

00:12:29: Meine Mutter war aber schon von meinem Vater getrennt und er mich auf den Arm nahm und ich fürchterlich geweint habe.

00:12:37: Da war ich ca.

00:12:39: zweieinhalb, drei Jahre alt.

00:12:42: Karolins Eltern trennen sich, als sie noch ganz klein ist.

00:12:45: Die Erinnerung daran ist dementsprechend nur bruchstückhaft.

00:12:49: Sie ist vielleicht eher ein Gefühl als ein wirklich klares Bild.

00:12:54: Und doch prägt dieser Abschied von ihrem Vater Karolins Kindheit und das ganze spätere Leben.

00:13:01: Caroline wird ihren Vater nicht wiedersehen.

00:13:05: Sie wird sich jahrelang fragen, warum er nach der Trennung keinen Kontakt zu ihrer Mutter und zu seinen Töchtern hält und warum er einfach aus ihrem Leben verschwindet.

00:13:15: Für sie ist es völlig unerklärlich.

00:13:17: Sie liebt ihren Vater und sie weiß, dass ihr Vater sie liebt.

00:13:21: Doch er taucht einfach nicht mehr auf und er hinterlässt bei Caroline, obwohl sie noch so klein ist, eine ganz große Lücke und einen großen Schmerz, der sie immer begleiten wird.

00:13:33: Nach dieser letzten Umarmung verschwinde Karolins Vater spurlos aus ihrem Leben.

00:13:39: Karolin lebt jetzt mit ihren beiden älteren Schwestern und ihrer Mutter in einer kleinen Wohnung am Stadtrand von Hamburg.

00:13:45: Karolins Mutter heißt Lore.

00:13:47: Und Lore ist eine fröhliche junge Frau, die trotz aller Probleme, die sie nun als alleinerziehende Mutter von drei Kindern hat, immer Freude und Zuversicht verbreitet.

00:13:56: Sie ist der Mittelpunkt der kleinen Familie, der Familie, die ja jetzt ohne den Vater auskommen muss.

00:14:01: Und ihre drei Töchter lieben sie über alles.

00:14:05: Lore füllt die kleine, heruntergekommene Wohnung in Hamburg mit Leben und mit Lachen.

00:14:10: Und obwohl ihr Alltag sehr hart ist, gibt sie ihren Töchtern immer das Gefühl, dass alles möglich ist, solange sie nur zusammenhalten.

00:14:19: Und ja, das ist das, was ich auch die Jahre danach so vermisst habe.

00:14:27: Heile Welt mit meinen Geschwistern und mit meiner Mutter allein.

00:14:32: Das war für mich eine schöne Kindheit.

00:14:36: Meine große Schwester habe ich in der Erinnerung als sehr ruhiges, verschlossenes Mädchen.

00:14:44: Meine andere Schwester war sehr zart, wilde, sehr zart, sehr zerbrechlich, sehr still, ruhig in sich gekehrt.

00:14:56: Obwohl ich die Jüngere war, hatte ich immer das Gefühl, ich muss sie beschützen.

00:15:04: Karolins älteste Schwester, die ruhige, ernste Schwester, die heißt Inga.

00:15:09: Und Karolins mittlere Schwester, die Zarte, von der Karolin immer glaubt, sie müsse sie beschützen, das ist Monika.

00:15:16: Obwohl sie so unterschiedlich sind, hängen die drei Schwestern sehr aneinander.

00:15:20: Sie spielen miteinander, sie erzählen sich Geschichten, sie lachen und sie streiten natürlich.

00:15:26: Aber immer achten sie aufeinander.

00:15:28: So wie ihre Mutter ihnen das beigebracht hat und wie sie ihnen das vorlebt.

00:15:33: Inga, Monika und Karolin, die drei Schwestern, die wissen, dass sie zusammenhalten müssen und dass ihre Liebe füreinander stärker ist als alles, was draußen auf sie wartet.

00:15:44: Ja, denn dort draußen wartet einiges.

00:15:47: Denn Lore und ihre Töchter leben in großer Armut.

00:15:50: Sie wohnt in einem alten Mietshaus, bei dem sich das Badezimmer noch draußen auf dem Gang befindet.

00:15:55: Es ist immer kühl und zugig in ihrer Wohnung, die Tapeten sind alt und an einigen Stellen hat das Wasser Spuren an den Wänden hinterlassen.

00:16:03: Es fehlt im Grunde an allem.

00:16:06: Carolins Mutter geht stundenweise arbeiten, sie bezieht Sozialhilfe, aber das Geld reicht für Lohre und ihre Töchter hinten und vorne nicht.

00:16:13: Es reicht nie bis zum Monatsende und oft reicht es nicht mal bis zur Mitte des Monats.

00:16:19: Immer wieder müssen die vier Improvisieren sparen, verzichten und dennoch versucht Lore ihren Kindern ein Gefühl von Normalität, von Wärme und von Geborgenheit zu geben.

00:16:31: Es war ja auch manchmal einfach nicht zu essen, da.

00:16:34: man hat es dann gemerkt, dass hartes, altes Brut aufgeweicht wurde und dann in der Pfanne gebraten wurde, wenn Zucker da war, kann da Zucker drauf.

00:16:42: Und das war dann das einzige, was man so eben halt als warmes zu essen bekam.

00:16:49: Die Mädchen spüren natürlich, wie die Welt um sie herum sie wahrnimmt.

00:16:53: Als bedürftig, als arm, als anders.

00:16:57: Wenn sie beim Backhouse oder beim Gemüsehändler ihre Lebensmittelmarken hinlegen oder schon in der Mitte des Monats darum bitten, anschreiben zu dürfen, dann wissen sie, dass ihre Not für alle ganz deutlich sichtbar ist.

00:17:10: Sie spüren dann diese verächtlichen oder auch mitleidigen Blicke, die ihnen zeigen, dass sie nicht dazu gehören, dass sie irgendwie weniger wert sind als die anderen.

00:17:20: Caroline sagt, dass es sehr schwer war für sie und ihre Schwestern, einkaufen zu gehen.

00:17:24: Vor allem, wenn kein Geld mehr da war und sie in den Läden darum bitten mussten, erst im folgenden Monat zu bezahlen.

00:17:31: Ich glaube, für Kinder muss es ja unglaublich erniedrigen sein, um was bitten zu müssen, was für andere wahrscheinlich selbstverständlich war.

00:17:40: Dann haben auch Leute wahrscheinlich das mitbekommen, also ständig gern gefühlt.

00:17:43: Kommentiert wahrscheinlich, das bleibt ja dann nicht aus.

00:17:47: Und ständig das Gefühl, ja, ich bin weniger wert, dass das Nag an der Würde, glaube ich, und hinterlässt auch Spuren.

00:17:54: Ja,

00:17:54: Caroline und ihre Schwestern müssen jetzt lernen, mit der Ungleichheit und vor allem mit ihrer Scham umzugehen.

00:18:01: Denn die drei gehören ja nirgends dazu.

00:18:03: Sie sind gesellschaftlich weitgehend ausgegrenzt.

00:18:06: Und deshalb haben sie auch keine Freundinnen.

00:18:07: Sie haben im Grunde nur sich.

00:18:10: Es ist ja so, wer arm ist, wird auch bis heute ausgegrenzt.

00:18:15: Ausgrenzen ist das Gegenteil von dem, was Kinder sich wünschen, nämlich Zugehörigkeit zu einer Gruppe.

00:18:20: Es ist ja so existenziell vor allem in der Entwicklung für Kinder.

00:18:24: Und ich glaube, dass es in den sechziger Jahren wahrscheinlich noch dramatischer war als heute.

00:18:29: Also Stigmatisierung der Armut, die macht es Kindern aus bedürftigen Familien, seit je her schwer einfach normal aufzuwachsen.

00:18:42: Das ist die Welt draußen, von der wir hier gerade sprechen, aber wenn die drei Schwestern, also Karolin, Inga und Monika, zusammen mit ihrer Mama in ihrer Wohnung sind, dann ist alles voller Frühlichkeit, Herzlichkeit und ausgelassenem Lachen.

00:18:56: So hat es Karolin in Erinnerung, so hat sie es uns erzählt.

00:19:00: Ihre Schwestern und ihre Mutter sind einander sehr nah Und es gelingt, Lore ein gutes und sicheres Zuhause für ihre Töchter zu schaffen.

00:19:08: Trotz aller Probleme, die es da draußen gibt.

00:19:12: Und wieder ein Beispiel von so einer alleinerziehenden Löwenmama, was die da immer leisten.

00:19:19: Also die hat drei kleine Kinder, drei Töchter und am Monatsende brät sie das Brot in der Pfanne an, damit es noch irgendeine warme Mahlzeit gibt und dann wird ein bisschen Zucker drauf gemacht.

00:19:31: Und trotzdem würden sich alle daran erinnern, es war Frühlichkeit und Zuversicht in dieser Wohnung.

00:19:38: Wir werden noch sehen, dass diese tolle Lore später genau diesen Mut und auch die Lebensfreude verlieren wird.

00:19:46: Und dass sie an diesen ganzen Verhältnissen fast zerbrechen wird.

00:19:50: Aber in Carolins früher Kindheit, da ist die Lore kämpferisch, eine Löwenmama, da ist sie erfinderisch und voller Wärme.

00:19:58: eine Mutter, die die Kinder beschützt und die die Familie zusammenmeldet.

00:20:03: Ich hab noch eine Mutter sehr geliebt.

00:20:05: Und ja, sie war immer gut für uns und hat uns in Arm genommen, hat mit uns gekuschelt.

00:20:12: Und ja, hat uns Geschichten vorgelesen, hat wirklich das, was in ihrer Macht stand, für uns getan, auch wenn es an Weihnachten nur ein Spielzeug gab.

00:20:24: Aber sie hat aus ihrer Sicht alles ... Menschenmögliche getan, so habe ich das empfunden, uns alles zu geben, was eben in ihrer Nacht stand.

00:20:37: Mitte der Sechziger Jahre lernt Lore ein Mann kennen, sie verliebt sich und sie wird schwanger.

00:20:42: Nun ändert sich viel im Leben der drei Schwestern.

00:20:45: Der neue Freund von Lore zieht zu ihnen in die alte zurückgewohnung und ihr kleiner Bruder Theo kommt zur Welt.

00:20:51: Mit dem neuen Mann an der Seite ihrer Mutter kommen Caroline, Monika und Inga einigermaßen gut zurecht, was sie aber alle in größtes Entzücken versetzt, ist die Tatsache, dass nun ein kleiner Säugling da ist.

00:21:02: Und vor allem Caroline bekommt nicht genug von dem Baby.

00:21:06: Sie hält Theo auf dem Arm, sie flüstert ihm Geschichten zu, sie füttert und sie tröstet ihn.

00:21:11: Oft nimmt sie Theo mit hinaus zum Einkaufen und sie ist unglaublich stolz, wenn sie mit dem alten Kinderwagen die Straße entlangläuft.

00:21:19: Denn Caroline ist jetzt nicht mehr die Jüngste in der Familie.

00:21:22: Sie ist nicht mehr das Nest-Häkchen, sondern sie ist jetzt eine große Schwester, die auch Verantwortung für ihr jüngstes Geschwisterchen übernehmen darf.

00:21:30: Wir sind jetzt im Jahr nineteenhundert achtundsechzig.

00:21:33: Caroline ist sieben Jahre alt.

00:21:35: Es ist das Jahr, in dem sich alles verändert.

00:21:38: Das Jahr, in dem Caroline und ihre Schwestern zum ersten Mal erkennen, wie zerbrechlich ihre Welt ist und wie schutzlos sie im Grunde sind.

00:21:47: Es ist das Jahr, in dem ihre Kindheit endet.

00:21:50: Eines Abends sind Lore und ihr Freund nicht zu Hause.

00:21:54: Sie haben den Mädchen gesagt, dass sie erst spät in der Nacht zurückkommen werden.

00:21:58: Die drei Schwestern ziehen ihre Schlafanzüge an, versorgen das Baby und gehen zu Bett.

00:22:04: Um acht Uhr ist überall das Licht aus.

00:22:06: Die Wohnung ist still und alle schlafen.

00:22:09: Doch wenige Stunden später wacht Karolin plötzlich auf.

00:22:13: Sie hört ein lautes Poltern.

00:22:14: Jemand hemmert gegen die Eingangstüre der Wohnung.

00:22:17: Es sind dumpfe, harte Schläge, ganz unregelmäßig, als würde jemand mit der Faust oder der flachen Hand gegen das Holz trommeln.

00:22:26: Dazwischen ein Schäppern, ein Krachen, als stoße etwas Schweres gegen die Tür.

00:22:31: Die Mädchen springen schreiend und weinend aus ihren Betten.

00:22:36: Wir haben die Tür aufgebrochen und haben uns rausgeholt aus den Zimmern und ins Auto.

00:22:43: Weg.

00:22:45: Wir wussten ja nicht, es ist unsere Mutter tot.

00:22:48: oder warum kommen jetzt diese Menschen und holen uns aus der Wohnung?

00:22:53: Einfach mitgenommen.

00:22:56: Entschlafanzug.

00:22:58: Wir mussten uns in diesen Polizeivagen setzen.

00:23:02: Caroline und Monika finden sich in einem Wagen wieder einem Polizeifahrzeug.

00:23:07: In einem anderen Auto sitzen Inge die Älteste und Theo der Kleinste.

00:23:12: Niemand spricht mit Caroline und Monika.

00:23:14: Niemand erklärt ihnen, was passiert ist oder sagt ihnen, weshalb sie hier in ihren Schlafanzügen in einem Polizeivagen sitzen und wie es jetzt weitergeht.

00:23:23: Die Mädchen haben nichts dabei.

00:23:24: Kein Kuscheltier, keine Jacke.

00:23:26: Sie wurden genauso, wie sie aus ihren Becken gekommen sind, mitgenommen.

00:23:31: Der Wagen, in dem Caroline und Monika sitzen, fährt los.

00:23:35: Eine fremde Frau sitzt mit dem Mädchen auf der Rückbank, doch sie sagt kein Wort.

00:23:40: Sie beruhigt die beiden nichts, sie erklärt nichts, sie schweigt einfach.

00:23:44: Caroline und Monika sind im Panik.

00:23:47: Dann hält der Wagen vor einem Gebäude.

00:23:49: Die Mädchen müssen aussteigen.

00:23:51: Sie erfahren, dass sie sich nun in einem Kinderheim befinden.

00:23:55: Aber auch hier nimmt sich niemand die Zeit, den beiden Mädchen zu erklären, weshalb sie aus ihrer Wohnung geholt wurden und wie lange sie hier bleiben sollen.

00:24:04: Und vor allem beantwortet ihnen niemand die wichtigste Frage, die vor deren Antwort sie die größte Angst haben.

00:24:11: Wo ist ihre Mutter?

00:24:13: Wo ist Lohre?

00:24:15: Diese erste Nacht in diesem Heim mit diesen vergitterten Fenstern, da hab ich, also ich hab eine lange Alpträume von gehabt, weil das so furchtbar für mich war.

00:24:29: Und meine Schwester, die, also man hat uns beiden zusammen gelassen.

00:24:34: Und somit kann ich mich dann noch ganz gut dran ändern, dass wir beide in einem Bett lagen und lagen an diesem Fenster gleich und gucken auf diese Vergebung der Fenster und so aneinander gekuschelt.

00:24:48: Und die wussten ja auch nicht, was passiert.

00:24:51: Kommen wir wieder raus, was es ist mit meiner Mutter.

00:24:55: Die Mädchen gehen davon aus, dass ihre Mutter vielleicht im Krankenhaus ist oder sogar tot.

00:25:01: Das Schlimmste muss passiert sein, denn Lore hätte ihre Töchter niemals im Stich gelassen.

00:25:06: Sie wäre gekommen, um sie zu holen, wenn sie dazu in der Lage gewesen wäre.

00:25:11: Davon sind Carolin und Monika überzeugt.

00:25:14: Sie sind völlig verzweifelt.

00:25:16: Aber auch am folgenden Tag spricht niemand mit ihnen über ihre Mutter und auch nicht am übernächsten Tag.

00:25:22: Die Mädchen nehmen nun an, dass ihre Mutter wahrscheinlich tatsächlich nicht mehr am Leben ist.

00:25:28: Und ja, das ist ja wirklich unvorstellbar, also diesen

00:25:31: Sprechen.

00:25:33: Also ich merke das immer wieder, merken wir das doch in der Aufarbeitung, dass die Kinderheimen Deutschland in den Sechziger Jahren schon noch sehr vom Denken von dieser ganzen Nachkriegszeit geprägt war.

00:25:46: Das hatten wir ja nun auch oft schon thematisiert hier im Podcast.

00:25:49: So krass,

00:25:50: also ich finde immer, dass es gar nicht so lange hier ist, aber was so diese pädagogische Entwicklung angeht, sind es Lichtjahre, weil die Erziehung war da oft noch ganz streng autoritär und so gefühlsam.

00:26:06: Anders als muss man schon betonen, auch das haben wir schon aufgearbeitet und recherchiert und gesehen.

00:26:11: Es gab natürlich auch da schon Gott sei Dank Ausnahmen, aber viele berichten eben davon, dass die Kinder in den Heimen damals nicht ernst genommen wurden.

00:26:22: Die Kinder sollten, ja wie kann man das formulieren, Silvi?

00:26:26: Funktionieren wahrscheinlich, in erster Linie funktionieren.

00:26:29: Ja,

00:26:30: es hat sich Gott sei Dank sehr verändert.

00:26:33: Das fing schon in den siebziger Jahren an und wenn wir heute, ich drehe ja immer wieder mal in zum Beispiel SOS-Kinderdörfern und da herrscht eine zugewandte, eine liebevolle Stimmung.

00:26:47: Klar gibt es da auch Probleme, die gibt es aber auch in jeder, in Anfangszeit normalen Familie.

00:26:53: Dann wird da miteinander gesprochen eine ganz andere Stimmung und Gefällt mir gut, was ich da sehe.

00:27:01: Hat sich viel geändert.

00:27:03: Aber hier sind wir noch in den Sechzigerjahren.

00:27:06: Und Carolin und Monika bleiben zunächst in diesem Kinderheim.

00:27:09: Und in all den Wochen, die sie hier leben, sagt ihnen niemand, was passiert ist.

00:27:14: Neben ihrer Panik und ihrer Angst und ihrer Sorge um ihre Mutter fällt es Carolin außerdem sehr schwer, den Alltag hier in diesem Heim zu ertragen.

00:27:23: Morgens werden die Mädchen im Kommandoton von den Erziehern geweckt, einem Ton, der Carolin völlig fremd ist.

00:27:29: Kurze Zeit später gibt es dann Frühstück und da wird gegessen, was auf dem Teller ist.

00:27:34: Carolin verträgt aber manche Dinge nicht, Milch zum Beispiel.

00:27:38: Doch niemanden interessiert das.

00:27:40: Sie wird gezwungen, ihr Glas auszutrinken, egal ob sie wirkt oder weint oder sich übergibt.

00:27:46: Die folgenden Wochen fühlen sich für Caroline wie eine Ewigkeit an.

00:27:50: Und dann ist ja immer diese Angst, ihre Mutter könnte vielleicht gar nicht mehr am Leben sein.

00:27:54: Mit dieser Angst wacht Caroline morgens auf und mit dieser Angst schläft sie abends ein.

00:28:00: Du verstehst hier die Welt nicht mehr.

00:28:03: Du weißt nicht, was ist los.

00:28:04: Keiner sagt dir was.

00:28:06: Wir hatten ja auch zu unserer großen Schwester keinen Kontakt.

00:28:09: Wir wussten nicht, was ist mit meinem Bruder.

00:28:11: Wir wussten nicht, was ist mit der Großen.

00:28:15: Nichts Wissen ist ja auch das Schlimme.

00:28:17: Caroline, die ist sieben Jahre ist sie da alt und diese Zeit, diese Wochen im Kinderheim, das spürt man ja, die werden sich in ihr Gedächtnis und in die Seele einbrennen und das ganze Leben verfolgen.

00:28:32: Aber dann eines Tages werden Caroline und Monika zur Heimleiterin bestellt.

00:28:37: Ein mulmiges Gefühl steigt in ihnen auf, denn sie sind noch nie in das Büro der Heimleiterin gerufen worden.

00:28:44: Niemand spricht mit ihnen, als sie durch die Langgänge geführt werden.

00:28:49: Und als sie ankommen und den Raum betreten, schreit Caroline auf.

00:28:54: Denn neben dem Schreibtisch der Heimleiterin steht noch jemand.

00:28:57: Es ist eine Frau.

00:28:59: Und diese Frau ist ihre Mama.

00:29:03: Ich war einfach nur glücklich.

00:29:04: Ich hab meine Mutter ums Bein geklammert.

00:29:11: Aber

00:29:22: Lohre lässt ihre Töchter nicht im Heim, sie nimmt sie mit nach Hause.

00:29:25: Und dort treffen die beiden Mädchen auch ihre älteste Schwester Inga wieder.

00:29:29: Nur Theo fehlt.

00:29:30: Er ist noch im Heim und er kommt auch nicht wieder zurück.

00:29:34: Caroline fragt oft nach ihm, aber sie erhält keine Antwort.

00:29:37: Theo kommt nie wieder zurück nach Hause.

00:29:40: Aber hat Caroline denn eigentlich irgendwie erfahren, was vorher wirklich passiert war?

00:29:46: Also, weshalb wurden Sie und Ihre Geschwister in dieser Nacht- und Nebelaktion im Schlafanzug aus der Wohnung gerissen, kann man ja sagen?

00:29:54: Ja, etwas später hat Caroline das erfahren.

00:29:57: Sie hat nicht alles erfahren, aber genug.

00:29:59: Ihr Stiefvater, also Theos Vater, war in kriminelle Machenschaften verwickelt.

00:30:04: Und in der Nacht, in der Caroline und ihre Geschwister von den Mitarbeitern des Jugendamtes aus der Wohnung geholt wurden, in dieser Nacht war ihr Stiefvater kurz zuvor bei einem Eingruch aufgegriffen worden?

00:30:16: Also heißt er dann, die Polizei hat den gestellt und wahrscheinlich verhaftet und dann informierte man das Jugendamt, das war wahrscheinlich der Ablauf.

00:30:27: Wo war denn da die Mama?

00:30:29: Das war das Problem.

00:30:30: Lore wurde nämlich in der Nähe des Tatorts aufgegriffen.

00:30:33: Sie hatte wahrscheinlich mit dem Überfall überhaupt nichts zu tun, aber sie war eben in der Nähe.

00:30:38: spricht er dafür, dass sie vielleicht in Untersuchungshaft an erst mal war und deswegen die Kinder ins Heim gekommen sind?

00:30:44: Wir wissen es nicht, beziehungsweise Caroline weiß es bis heute nicht, aber Tatsache ist, offensichtlich könnte man Loren nichts nachweisen, sie muss unschuldig gewesen sein, denn sie durfte ja einige Wochen später ihre Töchter zu sich holen und wenn sie eine maßgebliche Rolle bei dem Einbruch gespielt hätte, dann wären ihre Töchter sicherlich im Heim geblieben.

00:31:04: Der Stiefvater taucht nun nicht mehr in der Wohnung von Lohre und den Kindern auf, ob er im Gefängnis sitzt oder ob Lohre sich nun von ihm getrennt hat.

00:31:12: Auch das weiß Caroline nicht.

00:31:15: Nun sind sie also wieder zusammen, die Schwestern Caroline, Monika und Inga und ihre Mutter.

00:31:20: Noteo fehlt, der ist ja immer noch in einem Heim und es wird nie darüber gesprochen, weshalb er nicht nach Hause darf.

00:31:27: Caroline vermisst ihren Bruder und sie macht sich sehr große Sorgen um ihn, denn sie weiß ja inzwischen, wie kalt und wie rau und wie grob es in so einem Kinderheim zugehen kann.

00:31:37: Und Caroline würde sich für Theo nicht sehnlicher wünschen, als dass er bei seiner Mutter und bei seinen Schwestern in Liebe und in Geborgenheit aufwachsen könnte.

00:31:45: Ja, und Caroline kann nicht ahnen, dass ihr eigener Aufenthalt im Kinderheim nur ein Vorbote war.

00:31:53: Und dass von Liebe und Geborgenheit schon bald nichts mehr zu spüren sein wird in dem Leben von Lore und ihren Töchtern.

00:32:00: Denn Lore, die es so lange geschafft hatte, ihren Töchtern eine sehr schöne Kindheit zu schenken, die droht nun unter der Last des Alltags zusammenzubrechen.

00:32:12: Aber erst einmal gibt es eine gute Nachricht, denn plötzlich heißt es umziehen.

00:32:16: Das alte Haus, in dem Lore mit ihren Kindern gelebt hat, soll abgerissen werden.

00:32:21: Die vier packen also ihre wenigen Besitztümer zusammen und ziehen nun in eine Neubauwohnung.

00:32:26: Hier ist alles blitzblank, gepflegt und hell.

00:32:29: Badezimmer und Toilette liegen nicht mehr im Treppenhaus, sondern in der Wohnung.

00:32:34: Die Fenster lassen sich richtig schließen, es zieht nicht mehr und zum ersten Mal fühlt sich alles geordnet und sicher an.

00:32:42: Die Mädchen sind aufgeregt und sie freuen sich auf dieses neue Leben.

00:32:46: Aber dann kommt alles anders.

00:32:48: Denn jetzt geschieht etwas, das alles verändert.

00:32:51: Es zieht nämlich noch jemand in die schöne, moderne Neubauwohnung.

00:32:56: Es ist der neue Freund ihrer Mutter.

00:32:58: Ein Mann, der unangenehm und seltsam wirkt.

00:33:01: Der Dinge sagt, die die Mädchen nervös machen.

00:33:04: Ohne, dass sie genau benennen können, warum.

00:33:07: Aber schon nach einiger Zeit wird ihnen klar, was das Problem ist.

00:33:12: Und dann war das die Hölle auf Erden.

00:33:20: Weil dann wird getrunken, zusammen, dann wird geschlagen.

00:33:25: Nicht zu uns, aber meine Mutter wurde regelmäßig verprügelt.

00:33:31: Alkohol und Missbrauch halten mit Lores neunem Freund nun Einzug in das Leben der Mädchen.

00:33:36: Der Mann lässt die drei Schwestern in Ruhe, aber erschlägt ihre Mutter und erschlägt sie oft.

00:33:41: Lore trinken nun selbst regelmäßig und viel und langsam geraten ihre Töchter aus ihrem Blickfeld.

00:33:48: Diese Mutter, die noch vor Kurzem gekämpft hatte, wie eine Löwin, um ihren Mädchen trotz all der widrigen Umstände und der schrecklichen Armut eine schöne Kindheit zu schenken, zieht sich nun zurück und verliert sich im Alkohol.

00:34:01: Ja, der Alkohol nimmt Caroline und ihren Schwestern die Mutter.

00:34:05: Und so wird der neue Beginn, auf den Caroline nach den Horrorwochen im Kinderheim gehofft hatte, zu einer weiteren Erfahrung von Verlust.

00:34:14: Diesmal ist es kein Abschied im klassischen Sinn, so wie damals mit Carolins Vater, sondern eher ein allmähliches Entgleiten.

00:34:23: Die Mutter verschwindet nicht plötzlich, sie ist ja körperlich noch anwesend, doch etwas anderes geht verloren.

00:34:29: Schritt für Schritt löst sich die Beziehung zwischen Lore und ihren Töchtern auf.

00:34:35: Obwohl Lore noch da ist, wirkt sie nun oft abwesend.

00:34:39: Sie fragt nicht mehr nach der Schule oder nach den Sorgen oder Träumen ihrer Töchter.

00:34:43: Nichts scheint sie mehr zu interessieren.

00:34:45: Nur ihr neuer Freund und der Alkohol.

00:34:48: Caroline vermisst ihre Mama von früher.

00:34:50: Die warmherzige, lebenslustige Frau, die es irgendwie immer geschafft hatte, selbst in den schwersten Zeiten Hoffnung und Freude zu verbreiten.

00:34:59: Und Caroline vermisst ihren kleinen Bruder Theo, der nicht zurückgekommen ist, sondern der immer noch in einem Heim lebt.

00:35:05: Die drei Schwestern sind einander in dieser Zeit näher denn je.

00:35:09: Sie rücken zusammen, sie teilen ihre Ängste und ihre Hoffnungen und sie geben sich den Halt, den sie von ihrer Mutter nun nicht mehr bekommen.

00:35:17: Ganz schwierig finde ich für Kinder und wenn ich mir das so vorstelle, dass deine Mutter das dann sozusagen immer tut und so anders ist, finde ich es total traurig.

00:35:25: Also das zu hören, wenn man sich das wirklich mal vorstellt, ist sehr schlimm.

00:35:30: Irgendwann zieht dann Inga die älteste der drei Schwestern aus.

00:35:34: sie hat die Schule beendet und möchte Krankenschwester werden.

00:35:37: Sie bekommt einen Ausbildungsplatz am anderen Ende der Stadt und damit verbunden, das Angebot in einem Schwesternheim unterzukommen.

00:35:46: Also ein Schwesternheim zur Erklärung war in den fünftiger und sechziger Jahren eine von den Krankenhäusern betriebene Unterkunft für die Krankenschwestern in der Ausbildung oder auch im Beruf.

00:35:57: Das gibt's nicht mehr?

00:35:58: Heute?

00:35:59: Meinst du nicht?

00:35:59: Ich glaube nicht.

00:36:00: Nee, ich weiß es nicht.

00:36:02: Könne ich gar nicht sagen.

00:36:03: Auf jeden Fall, die jungen Frauen lebten dort dann in einfachen, meist mobilierten Zimmern.

00:36:10: Und für Inga ist das natürlich perfekt.

00:36:11: Sie ist sechzehn Jahre alt und sie hat so auch die Möglichkeit, die Ausbildung wirklich anzutreten.

00:36:17: Denn zum Pendeln wäre das Krankenhaus viel zu weit weg gewesen.

00:36:20: Genau in einem solchen Schwesternwohnheim lebt Inga jetzt.

00:36:23: Sie kommt zu Beginn ihrer Ausbildung oft zu Besuch.

00:36:26: Aber im Laufe der Zeit sieht Caroline ihre älteste Schwester immer seltener.

00:36:31: Die Ausbildung ist anspruchsvoll, die Schichtdienste unregelmäßig und Ingers Leben wird nun immer mehr von den Regeln und von der Welt des Krankenhauses bestimmt.

00:36:39: Und Carolin vermisst ihre älteste Schwester.

00:36:42: Die drei Mädchen waren ja immer eine Einheit gewesen, eine Einheit in einer Welt, zu der sie nie gehört hatten mit ihren Lebensmittelmarken, den ständigen Sorgen und der Unsicherheit, die dieses Aufwachsen im bitterster Armut ja bedeutet hat.

00:36:56: Und gerade jetzt bräuchte Caroline ihre älteste Schwester, denn ihre Mutter kommt inzwischen nach der Arbeit oft gar nicht mehr nach Hause, sondern sie trifft sie nach Feierabend mit ihrem Freund in den Gaststätten der Umgebung.

00:37:10: Dort trinken die beiden und nachts, wenn sie wieder zu Hause sind, dann wird ihre Mutter oft geschlagen.

00:37:16: Ja,

00:37:17: jetzt ist es ein echter Albtraum.

00:37:20: Caroline ist jetzt acht und sie hat den Papa verloren, der ist spurlos weg.

00:37:25: Sie hat ihren Bruder verloren, der ist für sie im Heim verschollen.

00:37:30: Und ja, die große Schwester ist ausgezogen und in gewisser Weise hat sie ja auch die Mutter eigentlich mittlerweile schon ganz verloren.

00:37:39: Doch damit endet das Leid nicht.

00:37:41: Denn das Jahr neunzehnhundertneunundsechzig wird zu einem Schicksalsjahr in Carolins Leben.

00:37:47: Und am Ende dieses Jahres wird niemand mehr da sein.

00:37:50: Am Ende dieses Jahres wird Caroline allein sein.

00:37:54: Es ist Herbst und Inga hat ihren Besuch angekündigt.

00:37:58: Seit Caroline weiß, dass Inga vorbeikommen möchte, ist sie völlig aufgeregt.

00:38:02: Schon seit Tagen denkt sie an das Wiedersehen.

00:38:04: Sie zählt die Stunden und stellt sich das Treffen mit Inga bis ins kleinste Detail vor.

00:38:09: Und nun ist es endlich soweit.

00:38:12: Gespannt warten Lohre und ihr Freund und Carolin und Monika im Wohnzimmer auf Inga.

00:38:18: Und dann, endlich, klingelt es an der Tür.

00:38:21: Wir beide randen zur Tür, meine mittlere Schwester und ich, und rissen die Tür auf und sie stand da und ... Ja, für mich als Kind eine Schönheit.

00:38:33: Groß, schlank, lange, lange Haare.

00:38:36: Und ja, das ist sie nun.

00:38:39: Jetzt hab ich sie wieder.

00:38:41: Ja, wir haben sie denn rein gebeten mit ihrem Freund.

00:38:46: Wir wussten ja nicht, wer ist dieser junge, hübsche Mann.

00:38:50: Und

00:38:50: dann gingen sie rein ins Wohnzimmer.

00:38:55: Ja, Inga ist nicht allein gekommen.

00:38:57: Mit ihr betritt ein junger Mann die Wohnung, erwirkt sehr nett und freundlich, daran erinnert sich Caroline.

00:39:02: Und im Wohnzimmer stehen Lohre und ihr Lebensgefährte und die beiden sind sichtlich irritiert, dass Inga in Begleitung eines Mannes ist.

00:39:10: Dann hat meine Schwester gesagt, darf ich vorstellen, das ist mein Verlobter.

00:39:18: Und dann ist der Lebensgefährte von meiner Mutter ausgeführt und es kam zum Streit.

00:39:29: Inger ist also verlobt und der junge Mann, den sie mitgebracht hat, ist ihr Verlobter.

00:39:34: Und der Lebensgefährte der Mutter wird total laut und erklärt aggressiv, dass Inga einen solchen Schritt nicht gehen darf, ohne ihre Mutter um Erlaubnis zu bitten.

00:39:45: Dazu muss man anmerken, dass der Lebensgefährte der Mutter ja jetzt auch rein rechtlich überhaupt gar nichts zu bestimmen hat in dieser Situation.

00:39:54: Und dazu kommt obendrein, dass das Jugendamt seit dem Heimaufenthalt der Schwestern die Vormundschaft für Inga, Monika und Karolin Inne hat.

00:40:03: Also der Lebensgefährte, der Mutter hat also aus ganz vielen Gründen überhaupt kein Recht, sich

00:40:09: da

00:40:10: auch noch in dieser Art und Weise in diese Angelegenheiten zu mischen.

00:40:14: Ja,

00:40:15: aber er mischt sich ein und zwar massiv.

00:40:18: Es kommt zu einem lauten und sehr aggressiven Streit.

00:40:21: Die Stimmung kippt, alle schreien durcheinander.

00:40:24: Caroline weint, sie kann gar nicht begreifen, was davor sich geht.

00:40:27: Und Loris Lebensgefährte wird schließlich handgreiflich.

00:40:30: Er drängt ihn das Verlobten gegen die Tür, stößt ihn gegen die Wand und versucht, ihn mit Gewalt aus der Wohnung zu treiben.

00:40:38: Der Lebensgefährte hat nur geschrieben, raus, raus.

00:40:42: Und die beiden Männer rangelten dann noch bis zur Haustür.

00:40:47: Der Freund von meiner großen Schwester wurde dann geschubst.

00:40:50: Oder wenn die aus der Haustür raus und dann flucht die Hausbrülle so.

00:40:56: Und das war's.

00:40:58: Dann ist sie zuletzt gesehen.

00:41:02: Karolins Schwester Inger verlässt mit ihrem Verloppen also fluchtartig das Haus.

00:41:06: Der Lebensgefährte ihrer Mutter brüllt noch Verwünschungen und Beschimpfungen hinter den beiden her.

00:41:11: Er kann sich in seiner Wut gar nicht beruhigen.

00:41:14: Lore und die beiden Mädchen sind wie er start.

00:41:16: Karolin laufen die Tränen über das Gesicht.

00:41:19: Ihre Mutter hat sich nicht vor Inga gestellt.

00:41:21: Sie hat ihren Lebensgefährten nicht aufgehalten.

00:41:24: Sie hat zugelassen, dass er ihre eigene Tochter aus ihrer Wohnung verjagt.

00:41:29: Früher hätte ihre Mutter eine solche Situation mit viel Wärme und Einfühlungsvermögen gelöst und sie hätte sich schützend vor jedes ihrer Kinder gestellt.

00:41:38: Carolin spürt, dass ihre Mutter nun eine Fremde ist, und zwar für sie und für ihre Schwestern.

00:41:43: Ja, und so ist es einfach, der Alkohol.

00:41:46: Die alkohol Sucht, die zerstört Menschen und die nimmt ihnen ja im Kern ihre Persönlichkeit und dadurch auch ihre Würde.

00:41:54: Was Carolin nicht ahnt, sie wird Inga nicht mehr wiedersehen, denn Inga meldet sich nie wieder, weder bei der Mutter noch bei den Schwestern.

00:42:05: Sie verschwindet spurlos und niemand weiß wo sie ist.

00:42:09: Inger ist zu diesem Zeitpunkt knapp siebzehn Jahre alt.

00:42:13: Sie ist dann rechtlicher eigentlich auch selbst noch ein Kind, also noch nicht volljährig.

00:42:18: Vielleicht ein Kind mit der Sehnsucht nach einer eigenen Familie, nach einem sicheren Nest.

00:42:24: Wir wissen es nicht, denn selbst für die sechziger Jahre ist natürlich eine Verlobung mit sechzehn oder siebzehn schon ungewöhnlich früh.

00:42:32: Ja, es bricht einem das Herz bei der Vorstellung, wie diese Inge aus dem Haus getrieben wurde, dass ihre Mutter das zulässt, wie sie von diesem Mann, der im Grunde mit ihr überhaupt nichts zu tun hat, da behandelt wird und auch der Freund von ihr.

00:42:45: Und dass Lore wegsieht und geschehen lässt, was geschieht, dass sie so passiv ist als Mama, dass dieser Mann, der sie nachts schlägt und misshandelt, über den Umgang mit der ältesten Tochter entscheidet und über das Schicksal der ganzen Familie.

00:43:00: Also die Lore kann sich einfach nicht wehren.

00:43:03: Sie kriegt es nicht hin.

00:43:04: Caroline ist völlig verzweifelt und aufgelöst.

00:43:06: Sie kann überhaupt nicht verarbeiten, was sie da an diesem Nachmittag erlebt hat.

00:43:11: Ihre Schwester, die ihr so nah stand, das Älteste der drei Mädchen, ist verschwunden.

00:43:16: Theo ist weg und nun auch noch Inga.

00:43:19: Aber das Jahr ist noch nicht vorbei.

00:43:21: Den wenige Wochen nach dem Besuch von Inga, es ist kurz vor Weihnachten, kommt es zu einer schrecklichen Katastrophe.

00:43:29: Caroline kommt an einem normalen Wochentag Mitte Dezember aus der Schule zurück in die Wohnung.

00:43:35: Sie stellt ihren Ranzen ab und sie ist erstaunt.

00:43:38: Denn eigentlich müsste ihre Schwester Monika schon zu Hause sein.

00:43:43: Meine Mutter sagte, sie ist einkaufend.

00:43:47: Das war eigentlich immer meine Aufgabe.

00:43:52: Ja, man kann sie nicht.

00:43:54: Sie kamen wieder und ... Ja, dann kam ... Lebensgefährte meiner Mutter nach Hause.

00:44:02: Und dann haben sie die Krankenhäuser natürlich angerufen.

00:44:06: Und so hat man sie dann gefunden.

00:44:10: Es stellt sich heraus, dass Monika bei Rot über eine Straße gelaufen ist und von einem Fahrzeug erfasst wurde.

00:44:17: Sie ist elf Jahre alt, als sie in einem Krankenhaus in Hamburg stirbt.

00:44:22: Caroline wird diesen Schmerz bis heute nicht verwinden.

00:44:25: Am Ende des Jahres, Am Silvester-Tag wird ihre Schwester Monika beerdigt.

00:44:33: Caroline ist jetzt ganz allein, sie hat niemanden mehr.

00:44:36: Sie hat ihren Vater in Zuge der Scheidung, ihre Eltern verloren, ihr kleiner Bruder Theo lebt noch immer in einem Heim, ihre Mutter ist gefangen im Alkohol und der Abhängigkeit von ihrem Lebenspartner.

00:44:47: Körperlich anwesend, innerlich jedoch nicht mehr erreichbar.

00:44:51: Inga wurde aus der Wohnung und aus Carolins Leben gedrängt und Monika ist gestorben.

00:44:56: Es ist keiner mehr da.

00:44:58: Karolin's gesamte Familie ist zerstört.

00:45:01: Karolin kommt nun für einige Zeit in eine Pflegefamilie, die außerhalb von Hamburg auf dem Land wohnt.

00:45:07: Karolins Pflegemutter ist eine ganz junge Frau, die selbst zwei kleine Kinder hat.

00:45:11: Und sie verwöhnt Karolin und versucht das verzweifelte Mädchen aufzufangen.

00:45:16: Karolin ist glücklich dort draußen auf dem Land.

00:45:18: Sie genießt die Blumen und die Tiere und die Ruhe.

00:45:20: Doch dann muss sie wieder zurück nach Hamburg.

00:45:23: Zurück zu ihrer Mutter, und hier ist alles, wie es war, bevor Karolin zu der Pflegefamilie aufs Land gefahren ist.

00:45:29: Nur, dass niemand mehr da ist.

00:45:32: Doch dann geschieht etwas Unglaubliches.

00:45:34: Karolin, die völlig allein und verloren ist, die niemanden hat, an denen sie sich wenden und denen sie um Hilfe bitten kann, die beschließt zu kämpfen.

00:45:43: Sie beschließt im Alter von dreizehn Jahren, sich ihre Familie zurückzuholen.

00:45:48: Ja, und wie unglaublich eigentlich ... dass hier eine dreizehnjährige sozusagen den Job die Aufgabe übernimmt, den ja die Erwachsenen eigentlich übernehmen müssten.

00:45:59: Ja, die

00:46:00: Verantwortung ist komplett nach unten gerutscht.

00:46:02: Genau.

00:46:03: Sie macht das jetzt mit dreizehn, sie stellt sich hin und sagt, so, die spürt wahrscheinlich, so geht es nicht weiter und deswegen muss es jetzt vorwärts gehen und jetzt werde ich kämpfen.

00:46:12: Caroline hat eine Idee.

00:46:14: Immer, wenn Loris Lebensgefährte nicht da ist, redet sie jetzt auf ihre Mutter ein.

00:46:19: Caroline schildert dann das Dorf, in dem sie bei der Pflegemutter war, draußen auf dem Land, weit weg von der Enge der Stadt und weit weg von dem Mann, der zwischen ihr und ihrer Mutter steht.

00:46:28: Caroline beschreibt ihrer Mutter ein Leben ohne Alkohol und ohne Gewalt.

00:46:33: Sie schwärmt von den Wiesen und von der Ruhe und von einem Alltag ohne Schreie und ohne Angst.

00:46:39: Sie spricht von einem Leben zu zweit, nur sie und ihre Mutter.

00:46:42: gemütliche Frühstücke in einer heimeligen Küche, lange Spaziergänge, von denen sie selbst gepflückte Blumen mitbringen, wie sie dann lachen zu Hause in die Vase stellen.

00:46:52: Caroline beschwört einen Neuanfang.

00:46:54: Sie redet und redet und redet.

00:46:58: Manchmal hört die Mutter nur halb zu, manchmal schweigt sie lange, doch Caroline lässt sich nicht beirren.

00:47:03: Sie spricht wochenlang auf ihre Mutter ein und irgendwann beginnt Lore zuzuhören.

00:47:09: Wie cool ist die bitte?

00:47:10: Wie cool ist dieses Kind?

00:47:13: Die macht ja Therapie mit der Mama.

00:47:15: Ja.

00:47:15: Die hat ja überhaupt nichts zur Verfügung, außer die Fantasie und die nutzt sie.

00:47:21: und ähm ... ja, nordet die in gut sozusagen neu ein.

00:47:26: Genau, sie entwirft eine Zukunftsvision für ihre Mutter.

00:47:30: Wahnsinn, also sie sagt ja selber, glaube ich, hat sie gesagt, dass sie die Mama geradezu manipuliert hat mit ihren Worten, so drückt sie das heute aus.

00:47:39: Toll.

00:47:41: Ich weiß auch nicht, woher ich die Kraft genommen habe, dass ich sie wirklich dazu gebracht habe.

00:47:47: Mit

00:47:47: einer längeren Planung von mehreren Wochen.

00:47:51: So, dass das Kindergeld noch nicht gefallen hat.

00:47:54: Dann wird tatsächlich der Postblutern nicht das Kindergeld.

00:47:58: Und sie ihren Lohn kriegt und so, dass wir ein bisschen Geld hatten, um wirklich abzuhauen.

00:48:07: Die Flucht gelingt.

00:48:08: Lore und Caroline fahren aufs Land, und zwar in den Ort, in dem die Pflegemutter lebt, bei der Caroline einige Monate zuvor kurzzeitig untergebracht worden war.

00:48:19: Und Caroline und ihre Mutter können zunächst bei ihr, also bei dieser Pflegemutter, unterkommen, bis sie eine Wohnung gefunden haben.

00:48:26: Und hier auf dem Land fügt sich schließlich alles zum Guten.

00:48:29: Denn Lore wird wieder zu der Mutter, die Caroline immer geliebt hat.

00:48:33: Und an die sie im Grunde auch immer geglaubt und die sie nie aufgegeben hat.

00:48:38: Lore hört auf zu trinken und findet zu sich selbst zurück.

00:48:41: Und damit findet sie auch zurück zu ihrer Tochter Caroline.

00:48:46: Sie war mir irgendwie auch dumpfer, hatte ich das Gefühl.

00:48:50: Sie hat wieder gelacht mit mir.

00:48:52: Sie hat wieder Spaß haben können.

00:48:55: Und es war wieder anders.

00:49:00: Caroline und ihre Mutter verbringen jetzt ruhige, friedliche und innige Jahre auf dem Land.

00:49:06: Sie genießen ihre gemeinsamen Mahlzeiten und ihre Gespräche am Küchentisch und ihre Spaziergänge in der Umgebung.

00:49:12: Im Grunde ist fast alles so, wie Caroline es ihrer Mutter in Hamburg beschrieben hatte.

00:49:16: Die beiden versuchen jetzt auch Inger zu finden.

00:49:19: Sie schreiben Briefe, sie fragen nach und sie erkundigen sich.

00:49:23: Aber Inger ist verschwunden.

00:49:24: Es fehlt jede Spur von ihr.

00:49:26: Auch Theo bleibt verschwunden.

00:49:28: Das Jugendamt hat nach wie vor die Vormundschaft für Carolins kleinen Bruder und Caroline und ihre Mutter erhalten keine Auskunft darüber.

00:49:35: Wo er ist?

00:49:37: Als Karolin sechzehn Jahre alt ist, verliebt sie sich in einen jungen Mann aus der Nachbarschaft.

00:49:42: Er wohnt wenige Häuser weiter.

00:49:44: Und sie wird schwanger.

00:49:46: Das Jugendamt schaltet sich ein.

00:49:48: Die Situation wird geprüft, Gespräche werden geführt, Akten angelegt.

00:49:52: Es muss entschieden werden, was mit dem ungeborenen Baby geschehen soll.

00:49:57: Denn Karolin ist noch nicht volljährig.

00:49:59: Schließlich stimmt das Jugendamt eine Heirat zu.

00:50:03: Im Bericht des zuständigen Mitarbeiters heißt es, Karolin sei, Zitat, sehr reif für ihr Alter.

00:50:10: Und es bestünden keine Bedenken, ihr die Verantwortung für ihr Baby zu überlassen.

00:50:15: Und so kommt es, dass Karolin mit siebzehn Jahren heiratet und Mutter einer Tochter wird.

00:50:21: Sie hat nun eine eigene kleine Familie.

00:50:23: Das war es, was sie sich schon so lange gewünscht hatte.

00:50:27: Ihre Mutter Lohre ist immer an Karolins Seite.

00:50:31: Diese Trennung, die vor wenigen Jahren noch unüberwindbar schien, die existiert jetzt nicht mehr.

00:50:36: Caroline und ihre Mutter Lore sind und bleiben unzertrennlich.

00:50:41: Wir haben ein sehr gutes Verhältnis gehabt.

00:50:45: Sehr liebevoll, sehr eng.

00:50:47: Sie war da für mich.

00:50:48: Sie kann mich alleine besuchen.

00:50:50: Sie war da für mich, als ich schwanger war.

00:50:54: Ja, dann immer da für mich.

00:50:58: Caroline ist nun dreinzwanzig Jahre alt und sie möchte ihre Familie wiederfinden.

00:51:03: Sie sehnt sich nach all den Menschen, die zu ihr gehören.

00:51:07: Zunächst versucht sie, ihren Vater zu finden.

00:51:09: Sie fragt bei Ämtern nach, in Gemeinden, bei Meldestellen.

00:51:13: Sie schreibt Briefe, wartet auf Antworten, hakt nach und wartet wieder.

00:51:17: Die Suche ist mühsam, bürokratisch und entmutigend.

00:51:21: Doch Caroline gibt nicht auf.

00:51:23: Genau, das sind wir nämlich jetzt Mitte der achtziger Jahre, also lange bevor man im Internet oder sozialen Netzwerken nach Menschen suchen konnte.

00:51:32: Auch übrigens als wir angefangen haben, das war ja dann Mitte der, was war das denn, zwei tausend sechs.

00:51:39: Ja.

00:51:39: Ich weiß, dass wir am Anfang sehr viele Faxe verschickt haben.

00:51:42: Ja.

00:51:42: Weißt du es noch?

00:51:43: Das weiß ich noch sehr gut.

00:51:44: Also wenn ich immer erzähle als Beispiel, als ich angefangen habe Menschen zu suchen in aller Welt, gab es noch kein iPhone und auch noch kein WhatsApp.

00:51:56: Dann gucken mich so Jüngere immer so an, so Gott.

00:52:01: Das war schon, was es suchen angeht, eine ganz andere Zeit.

00:52:05: Aber Caroline muss eben genau deswegen sehr beschwerliche Wege auf sich nehmen, um irgendetwas rauszufügen.

00:52:11: Aber es gelingt.

00:52:12: Caroline erhält schließlich eine Adresse und sie nimmt Kontakt mit ihrem Vater auf.

00:52:17: Und der kommt sie kurze Zeit später besuchen.

00:52:21: und die Haustür aufgemacht.

00:52:23: und dieser Mann, den ich noch in meiner Erinnerung hatte, also groß und stark.

00:52:30: Und wie man das als kleines Kind so sieht, das war er nicht mehr.

00:52:34: Er war eingefallen, er war klein geworden, mager.

00:52:40: Aber diese Augen, diese Strahlen, das hat mir so viel gegeben.

00:52:44: Also es gab keine Sekunde.

00:52:49: Ein fremdes Gefühl.

00:52:50: Ich hab ihn sofort in die Arme genommen und wir haben uns gedrückt und geweint und hatten dann sehr schöne Tage miteinander.

00:53:01: Caroline spürt genau, wie viel es ihrem Vater bedeutet, sie zu treffen.

00:53:05: Und sie hat die Hoffnung, dass dieses Wiedersehen ein neuer Anfang sein könnte.

00:53:10: Dass aus dem Mann, der so viele Jahre in ihrem Leben gefehlt hat, vielleicht doch noch oder wieder ein Vater werden könnte.

00:53:17: Aber es bleibt bei diesem einen Treffen.

00:53:20: Beim Abschied verspricht ihr Vater zwar sich wieder zu melden, aber Caroline hört nichts mehr von ihm.

00:53:25: Ob das an seiner neuen Frau liegt oder an seiner eigenen Unzulänglichkeit oder vielleicht an seiner Angst, das wird Caroline nie erfahren.

00:53:34: Fakt ist,

00:53:35: ihr Vater schafft es nicht, seine Tochter in sein Leben einzubinden und er verschwindet wieder.

00:53:41: Aber Carolin ist trotzdem für sich einen Schritt weiter.

00:53:44: Sie konnte ihren Vater in die Arme schließen und sie konnte ganz deutlich seine Liebe spüren.

00:53:51: So empfindet sie das.

00:53:52: Und sie weiß auch für sich, dass es nicht aus Gleichgültigkeit geschieht, dass der Vater weg bleibt, sondern dass es irgendwie einfach nicht schafft.

00:54:02: Und damit macht sie, glaube ich, irgendwie ihren Frieden.

00:54:07: Und sie geht nun den nächsten Schritt.

00:54:08: Sie kann nicht anders.

00:54:10: Die Begegnung mit ihrem Vater hat etwas in ihr bewegt.

00:54:12: Sie hat gesehen, dass sie etwas verändern kann.

00:54:15: Dass sie Brücken bauen kann zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart.

00:54:19: Caroline sucht nun nach ihrem Bruder Theo.

00:54:22: Und schließlich findet sie ihn.

00:54:24: Er lebt in einer Wohneinrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung.

00:54:27: Das war also der Grund, weshalb er als einziges der Geschwister nicht wieder nach Hause durfte.

00:54:32: Als Carolin Theo das erste Mal im Heim besucht, läuft Theo auf sie zu und ruft ihren Namen.

00:54:37: Die beiden fallen sich in die Arme und Carolin ist überglücklich.

00:54:42: Von da an besucht sie Theo regelmäßig und an manchen Wochenenden kann sie ihn sogar zu sich nach Hause holen.

00:54:47: Dann kommt auch ihre Mutter vorbei und sie genießt es, zumindest zwei ihrer vier Kinder, um sich zu

00:54:52: haben.

00:54:53: Und wie hat eigentlich die Mutter den Tod der Tochter, der Monika?

00:54:59: Wird das verkraftet?

00:55:00: Also Lore kommt nie über den Tod von Munika hinweg.

00:55:03: Caroline erzählt, dass ihre Mutter seit dem Moment, als sie von dem Tod ihres Kindes erfahren hat, unter einem ganz unkontrollierten Zittern der Händelit.

00:55:12: Schrecklich.

00:55:13: Jetzt fehlt noch ein Familienmitglied.

00:55:16: Es fehlt Ingao.

00:55:17: Caroline versucht alles.

00:55:19: Sie fragt in ein Wundermeldeämtern und bei Standesämtern nach.

00:55:22: Sie will sich jahrelang durch Akten und Listen immer auf der Suche nach einer Spur ihrer Schwester.

00:55:27: Schließlich findet sie heraus, dass Inga nicht mehr in Deutschland lebt.

00:55:31: Sie ist nach Spanien ausgewandert, zusammen mit einem Mann, den sie geheiratet hat.

00:55:36: Wahrscheinlich ist das, so vermutet es Karolin, der nette Junge verlobte, den Inga ihrer Mutter und ihren Schwestern vorstellen wollte, als sie in neunzehntneunundsechzig zum letzten Mal zu Besuch kam.

00:55:47: Karolin sucht und sucht, aber von Inga fehlt jede Spur.

00:55:51: Die Jahre vergehen.

00:55:52: Carolins Tochter ist inzwischen erwachsen und sie bekommt selbst Kinder.

00:55:57: Carolin wird eine stolze und begeisterte Oma.

00:56:00: Sie ist inzwischen in zweiter Ehe glücklich verheiratet und sie hat sich selbstständig gemacht.

00:56:05: Carolin führt jetzt einen kleinen Blumenladen.

00:56:08: Sie hat Blumen schon als Kind geliebt und sie hat sich mit diesem Laden einen Traum erfüllt.

00:56:13: Caroline sucht immer noch nach Inga.

00:56:15: Sie durchkämmt Archive, blättert in alten Akten, fragt bei den Ämtern nach, stellt unzählige Anfragen und sammelt jede noch so kleine Information.

00:56:25: Sie fliegt sogar nach Spanien und fragt dort vor Ort bei der deutschen Botschaft nach ihrer Schwester.

00:56:31: Aber niemand kann hier helfen.

00:56:34: Inga scheint spurlos verschwunden zu sein.

00:56:37: Inzwischen ist Karolins Vater gestorben und auch Lore, ihre geliebte Mutter, die Karolin bis zum Schluss begleitet hat, ist nicht mehr am Leben.

00:56:46: Über fünfzeig Jahre sind inzwischen vergangen, seit Karolin ihre Schwester Inga das letzte Mal gesehen hat.

00:56:53: Ja, Karolin ist jetzt vierundsechzig Jahre alt und sie denkt immer noch jeden Tag an ihre Schwester.

00:56:58: Genau wie in all den vergangenen Jahren.

00:57:01: Ihr erster Gedanke beim Aufwachen gilt ihrer Schwester und ihr letzter Gedanke beim Einschlafen.

00:57:07: Carolin hat alles versucht, aber es scheint, als hätte sich Inga aufgelöst.

00:57:12: Im Sommer, zwei Tausendfünfundzwanzig, schreibt Carolin dann an dich und sie bittet um deine Hilfe.

00:57:18: Ihr größter Wunsch ist es Inga zu sagen, dass sie sie nie vergessen hat.

00:57:24: Ja, das Schicksal von Carolin und ihrer Schwester berührt uns alle sehr und du beschließt sofort nach Inga zu suchen.

00:57:30: Wir tragen alles zusammen, was wir über Karolins Schwester finden können, aber es ist schwierig.

00:57:35: Adressen fehlen, Dokumente sind unvollständig und viele Hinweise lösen sich beim genauen Hinsehen in Luft auf.

00:57:45: Dass es schwierig würde, Inga in Spanien zu finden, das war uns bewusst.

00:57:49: Deshalb mussten wir in Deutschland beginnen.

00:57:52: Denn wir benötigten mehr Informationen, um dann in Spanien gezielt mit der Suche anzusetzen.

00:57:59: Caroline hatte im Laufe der vergangenen Jahre schon viele Daten gesammelt, aber die führten alle ins Leere.

00:58:05: Deshalb fuhr ich nach Hamburg.

00:58:07: Ich fragte in verschiedenen Ämtern und Archiven nach Inga.

00:58:11: Ich hatte alle wichtigen Daten über Caroline's Schwester, alte Adressen, frühere Meldeeinträge und sogar ihre Geburtsurkunde.

00:58:19: In den Ämtern waren alle sehr hilfsbereit.

00:58:22: Die Mitarbeiter durchstöberten alte Datensätze und Karteien.

00:58:26: Die Tage vergingen, zunächst aber ohne Ergebnis.

00:58:30: Dann kam der Wendepunkt.

00:58:31: Wir stießen auf einen Eintrag über Inga und zwar zu ihrer Heirat.

00:58:36: Die E-Schließung war an das Archiv weitergemeldet worden.

00:58:40: Nun kannte ich Ingas neuen Nachnamen und den Nachnamen ihres Mannes.

00:58:45: In den Unterlagen fand sich noch eine weitere wichtige Information.

00:58:49: Inga hatte sich nach Spanien abgemeldet.

00:58:52: Das wussten wir bereits von Caroline.

00:58:54: Doch hier in diesen Unterlagen war viel später noch zusätzlich ein konkreter Ort vermerkt worden.

00:59:00: Der Ort, in dem Inga gelebt haben musste oder vielleicht immer noch lebte.

00:59:06: Ich flog also nach Spanien, nach Valencia.

00:59:09: Denn das war die Stadt, die in den Unterlagen verzeichnet gewesen war.

00:59:13: Dort angekommen, begann ich alle verfügbaren Telefonverzeichnisse, Einträge und Register zu durchsuchen.

00:59:20: Dabei unterstützte mich mein Kollege Louis, der perfekt Spanisch spricht und mir als Dolmetscher zur Seite stand.

00:59:28: Wir fanden heraus, dass es zwei Personen mit demselben Vor- und Nachnamen in Valencia gab.

00:59:34: Deshalb trennten wir uns.

00:59:36: Ich fuhr zu der ersten Adresse Louis zu der zweiten.

00:59:40: Ich klingelte an der Türe einer Wohnung im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses.

00:59:45: Und ich war nervös.

00:59:47: Inga hatte sich nie wieder gemeldet, weder bei ihrer Mutter noch bei ihrer Schwester Caroline.

00:59:52: Sie war im Streit gegangen und ich war unsicher, ob es eine gute Nachricht für sie wäre, dass Caroline nach ihr suchte.

01:00:00: Ein Mann öffnete mir die Tür.

01:00:01: Er sprach Deutsch.

01:00:03: Und er erklärte mir, dass seine Ehefrau Inga Mitte dreißig sei.

01:00:07: Damit war klar, ich war an der falschen Adresse.

01:00:10: Als ich wieder unten auf der Straße stand, klingelte mein Telefon.

01:00:15: Es war mein Kollege Louis.

01:00:17: Und Louis hatte unter der Anschrift, die er aufsuchen sollte, Glück gehabt.

01:00:21: Er hatte tatsächlich Karolin-Schwester Inga angetroffen.

01:00:26: Sie war völlig fassungslos darüber, dass sie gesucht wurde und bat um etwas Zeit.

01:00:31: Louis hatte meine Telefonnummer hinterlassen und nun hieß es warten.

01:00:39: Ja,

01:00:40: du und das Team, ihr habt tatsächlich Inga gefunden in Valencia und wenige Tage später hast du dann mit Inga telefoniert.

01:00:47: Ja,

01:00:47: und Inga war sehr aufgewühlt, die konnte sich gar nicht beruhigen, was ich total verstehen kann.

01:00:52: Sie hatte all die Jahre in Spanien gelebt mit ihrem Mann, also dem Mann, den der Lebensgefährte der Mama damals vor Fünfzig Jahren so brutal aus der Wohnung fast ja geprügelt hatte und ihr Mann, der ist mittlerweile leider verstorben.

01:01:08: Aber Inga hat erzählt, dass sie mit ihm sehr glücklich war.

01:01:12: Sie hat auch versucht, Caroline zu finden, das hat sie auch erzählt.

01:01:15: Aber Caroline lebte ja seit ihrem dreizehnten Lebensjahr gar nicht mehr in Hamburg und mit sie hat sie geheiratet.

01:01:21: Sie trug also auch gar nicht mehr ihren Mädchen namen.

01:01:23: Genau, und so entsteht im Rückblick ein schicksalhaftes Bild, denn beide Schwestern haben einander gesucht, aber sie haben sich verfehlt.

01:01:33: Als du dann zurück in Deutschland warst, riefen wir Karolin an und sagten ihr, dass du ihre Schwester Inga gefunden hast.

01:01:39: Und dass es ihr gut geht und dass Inga Karolin nie vergessen hat.

01:01:45: Ich hab gezittert den ganzen Körper.

01:01:49: Ich habe meinen Mann angerufen und dann habe ich nur gesagt, man hat sie gefunden, man hat sie gefunden.

01:01:55: Und dann habe ich nur gesagt, kannst du bitte nach Hause kommen?

01:01:59: Und dann habe ich meiner Ingetochter angerufen, weil die immer so mit Herz bei mir war und hat mir immer Mut gemacht.

01:02:11: Sie finden sie und habe hier auf Mann gesprochen und habe auch nur gesagt ... Man hat sie gefunden, man hat sie gefunden.

01:02:21: Und wer könnte ich auch nicht sagen, dann hab ich einfach nur hier gesessen und gemeint, vor Blöken, vor nicht fassen können.

01:02:30: Fünfzig Jahre lang hat Caroline nach Inger gesucht.

01:02:33: Und da war sie plötzlich.

01:02:35: Nach einem halben Jahrhundert der Ungewissheit saß Caroline in ihrem Wohnzimmer und in der Hand hielt sie ein Zettel mit einer Telefonnummer.

01:02:44: Ja, und dann sagte sie nur, hallo.

01:02:49: Telefon.

01:02:50: und ich habe dann auch nur Hallo gesagt.

01:02:53: und dann habe ich gesagt, weißt du, wer hier ist?

01:02:57: Und dann hat sie gesagt, ja, meine Schwester.

01:03:02: Und dann haben wir beide das mal geweint.

01:03:06: Ich habe nicht gesagt, wie geht's dir, weil das war überflüssig, das mussten wir auch nicht, weil sie überglücklich waren.

01:03:14: Und die beiden Frauen, das wissen wir, telefonieren jetzt jeden Tag.

01:03:18: Stundenlang, logisch, es gibt ganz viel zu erzählen.

01:03:21: Fünf Jahrzehnte wollen danach geholt werden, so gut es geht.

01:03:24: Verpasste Jahre, klar.

01:03:27: Getrennte Wege, viele nicht gestellte Fragen.

01:03:30: Und was wir auch wissen, Caroline wird jetzt sehr bald nach Spanien fliegen, um ihre große Schwester zu besuchen.

01:03:37: Und dieses Wiedersehen, das wird wahrscheinlich noch mal alles verändern für die beiden.

01:03:41: Ja,

01:03:42: toll.

01:03:43: Ja, und als dieses Mädchen, als Carolin neun Jahre alt war, da hatte sie niemanden mehr.

01:03:49: Vater weg, der Bruder weg, die Monika nicht mehr am Leben.

01:03:53: Die Mama hat sie erst mal an den Alkohol verloren und Inga war nach diesem Streit verschwunden.

01:03:59: Und jetzt, nach so vielen Jahren, nach fünfzig Jahren, ist ihre Suche beendet und ich glaube, sie sagt heute, jetzt ist sie zufrieden und angekommen.

01:04:11: Ja, was lernen wir aus der Geschichte?

01:04:13: Heute eine ganz einfache Lehre.

01:04:16: Es ist in der Tat so, man sollte nicht aufgeben.

01:04:21: Also viele hätten ihr gesagt, das ist hoffnungslos alles.

01:04:25: Aber die hat einfach nicht aufgegeben.

01:04:28: Das, finde ich, ist die ganz einfache, aber sehr mutmachende Botschaft dieser Geschichte.

01:04:35: Alles Gute für euch von uns hier.

01:04:38: Sylvie, vielen Dank fürs miterzählen dieser Geschichte.

01:04:41: Ich danke dir.

01:04:42: Und wenn ihr uns schreiben möchtet, unsere E-Mail-Adresse lautet infoetspurlos.podcast.de und alle weiteren Informationen findet ihr in den Shownotes.

01:04:51: Und was mich total freuen würde, wenn ihr unserem Podcast abonnieren würdet, vielen Dank dafür.

01:04:57: Und dank an euch fürs Zuhören.

01:05:00: Bis ganz bald und passt aufeinander auf.

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