#88 Junimond: Es geschah in dieser Nacht
Shownotes
Eine Sirene, die plötzlich aufheult. Ein Auto auf der Flucht. Und ein Kind, das in einer dunklen Nacht entführt wird. Heute – bei Spurlos.
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Redaktion
Sylvia Lutz
Natalya Prokhorenko
Ton
Migo Fecke (Soundhouse Tonproduktionen GmbH)
Eine Produktion der StellaLuisa GmbH In Zusammenarbeit mit Endemol Shine Germany und Rainer Laux Productions
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Transkript anzeigen
00:00:01: Eine Sirene, die plötzlich aufheult.
00:00:04: Ein Auto auf der Flucht und ein Kind das in einer dunklen Nacht entführt wird – heute bei Spurlos!
00:00:45: Du machst, die ist wirklich lebensverändernd.
00:00:47: Also sie verändert Lebensläufe und Biografien.
00:00:50: Oh wow!
00:00:50: Da fängst du aber ganz oben an.
00:00:53: Was meinst du genau?
00:00:53: Ähm also das sind ja Menschen, die oft seit Jahren, seit Jahrzehnten auf Antworten warten Und du bringst ihnen diese Antworten und vielleicht Gewissheiten oder Informationen ohne die Sie verloren waren.
00:01:06: Ja,
00:01:08: äh merke ich.
00:01:09: Ich suche nach Worten, es klingt jetzt aber sehr groß macht es.
00:01:14: Also ich in dem Fall, stimmt so nicht für mich?
00:01:17: Es ist ja ein ganz großes Team dahinter!
00:01:20: Ja
00:01:20: das stimmt.
00:01:21: natürlich gibt es einen Team.
00:01:22: dieses Team ist auch ganz wunderbar und leistet eine tolle Arbeit
00:01:26: allerdings
00:01:27: aber die die letztendlich vor Ort ist die im Regen an den Türen klopft die unbequeme Fragen stellt und die letzt endlich auch oft nicht aufgibt obwohl viele schon sagen würden doch hier machen wir nicht weiter dass bist du Und du bist ja dann auch die, die mit einem Ergebnis nach Hause kommt.
00:01:47: Man muss ganz klar sagen, du hast nicht immer ein Ergebnis dabei.
00:01:50: Es gibt natürlich auch Suchen, die nicht erfolgreich sind.
00:01:54: Aber meistens kommst Du mit einer Antwort, mit dieser Antwort, die das Leben anderer bereichert oder verändert?
00:02:00: Ja!
00:02:01: Auch da möchte ich unbedingt anmerken.
00:02:03: Natürlich gibt es noch die Reporter, die ja auch mindestens genauso viel reisen mittlerweile weil wir so breit aufgestellt sind und so einfach noch mehr Suchen durchführen können.
00:02:15: Aber du merkst, dass meine Augen sind aufgerissen?
00:02:18: Ich bin ja ganz andächtig wenn du das jetzt so beschreibst weil ich glaube, wenn ich so selber auf der Suche bin oder in einem Fall so involviert bin dann denke ich eher so wie im Puzzle teilen.
00:02:31: erstmal also ich bin dann erst mal sehr mit dieser Suche und den Fakten um die Anhaltspunkte beschäftigt und mir wird dann erst an einem viel späteren Zeitpunkt klar, wenn die da eben sitzen.
00:02:47: Und wenn ich so ein Suchergebnis überbringe und die Reaktionen sehe, es wird mir dann erst immer klar was das wirklich im Einzelfall bedeutet.
00:02:58: Also ganz zum Schluss, wenn du die Nachricht überbringst?
00:03:01: Ja
00:03:01: genau!
00:03:01: Das meinst du?
00:03:02: Genau und was mich schon belastet dabei Das merke ich immer wieder, dass sich so ab und zu gegen die Zeit so sehr arbeite.
00:03:13: Also damit meine ich... Wenn ich weiß das in der bestimmten Suche oder Geschichte jeder Tag tatsächlich zählen kann.
00:03:21: also ganz konkret wenn wir bei einer Suche gegen Krankheit oder gegen Alter anrennen müssen und arbeiten oder gegen schweigen.
00:03:33: Und das war ja in dieser Geschichte, die wir heute erzählen auch der Fall.
00:03:37: Das war ein Wettlauf gegen die Zeit und es ging nicht nur um Tage, es ging am Ende um sehr wenig Zeit.
00:03:44: Es kam aber noch etwas hinzu was aufgehalten hat.
00:03:47: Nämlich du bist auf Ablehnung gestoßen.
00:03:49: Das ist ja auch ein Problem, das ab und zu auftritt.
00:03:51: Ganz klar!
00:03:52: Also ganz klares Zumachen eine Mauer.
00:03:54: Und hat
00:03:55: dich das in diesem Fall?
00:03:56: In dem heutigen Fall eigentlich überrascht dass Du auf diese Ablehnung gestoßend bist?
00:03:59: Ja schon bisschen weil ich nach so vielen Jahren eher mit Erleichterungen gerechnet hätte.
00:04:06: So viel
00:04:07: kann ich schon mal sagen an der Stelle.
00:04:10: Aber bevor wir jetzt, wir sind jetzt eigentlich fast schon zum Ende der Geschichte gekommen und ihr merkt schon es wird sehr ja auffühlend spektakulär und sehr berührend.
00:04:21: So viel kann ich auch schon sagen.
00:04:22: aber lasst uns erstmal von vorne beginnen für uns doch mal ein in die Geschichte.
00:04:27: Also heute geht es um Anita und es geht um Abschiede.
00:04:31: Es geht um Grenzen, es geht eine spektakuläre Entführung und es ist um eine Entscheidung die das Leben einer kleinen Familie in einen Abgrund zieht.
00:04:41: Es wird um Liebe und es wird um ein Anfang der gleichzeitig ein Ende ist Und es geht über ein ganz kleines Zimmer in dem ja man kann wirklich sagen ein Wunder geschieht und in dem alle die dort anwesend sind endlich Frieden finden.
00:05:00: Berlin im Jahr nineteenhundertsechzig.
00:05:03: Es ist die Nacht zum ersten Mai, es ist stockdunkel und es ist ganz still.
00:05:09: Im Schein einiger Straßenlaternen ist ein schmaler Fußweg zu erkennen unter hinter die Fassaden einzelner Wohnhäuser.
00:05:17: sie sind schlicht und grau.
00:05:19: vor den Häusern stehen Bäume deren knorrige Äste in der Dunkelheit Schatten auf dem Boden werfen.
00:05:25: Auf einer Wiese neben dem Weg liegt ein kleiner Kinderball.
00:05:29: Daneben steht ein Roller aus Holz.
00:05:31: Kinder müssen diese Sachen am Tag zuvor hier vergessen haben, alles ist friedlich und ruhig.
00:05:38: Doch plötzlich holen Sirenen auf!
00:05:40: Ihr schriller durchdringender Ton weckt die Bewohner der Häuser, denn wenige Sekunden später gehen in den Fenstern die Lichter an.
00:05:48: Dann laufen ein Mann und eine Frau den Weg entlang.
00:05:51: Eine Stimme ruft aus dem ersten Stock stehen bleiben – aber im Geholl der Sirenen ist das kaum zu hören.
00:05:58: Der Mann und die Frau laufen weiter.
00:06:01: Sie sind auf der Flucht, und sie laufen um ihr Leben!
00:06:05: Die Frau presst etwas an sich – es ist ein kleines Kind das leise wimmert.
00:06:10: Die Finger der Frau krallen sich um den kleinen Körper.
00:06:14: Weiter, weiter ruft der Mann neben ihr.
00:06:17: Plötzlich tauchen hinter ihnen einzelne Gestalten auf.
00:06:20: Sie kommen aus den Türen der Wohnhäuser und laufen hinter dem Mann und der Frau her.
00:06:26: Einige haben Taschenlampten dabei, andere haben Stöcke in den Händen.
00:06:30: Der Mann und die Frau mit dem Kind rennen nun über eine Wiese.
00:06:34: Die Frau stolpert über den kleinen Ball aber sie lässt das Kind nicht los!
00:06:39: Der Mann packt sie am Arm.
00:06:40: er zieht sie weiter.
00:06:42: Nicht stehen bleiben brüllt er.
00:06:44: Sie haben uns gleich!
00:06:46: Die beiden laufen auf einen Zaun zu.
00:06:48: der Mann deutet auf ein kleines Loch durch da ruft er schnell.
00:06:52: Die Frau presst das kleine Kind noch fester an sich und schiebt sich durch den Zaun.
00:06:58: Sie spürt die scharfen Kanten des aufgeschnittenen Drahtes an ihren Armen, aber sie schafft es auf die andere Seite.
00:07:05: Als er sich kurz umdreht, sieht sie dass ihre Verfolger dicht hinter ihnen sind.
00:07:22: dass dies die Nacht ist, die alles verändern wird.
00:07:26: Doch ihre Flucht ist hier noch nicht zu Ende!
00:07:29: Anita weiß, das die Polizei jeden Moment hier sein kann – ihr Begleiter startet den Wagen.
00:07:36: Anita wird ab diesem Moment eine andere sein als zuvor … denn sie wird von nun an auf der Suche sein… Auf der Suchee nach jemanden, denen sie in dieser Nacht verloren hat und der später spurlos verschwinden
00:07:50: wird.".
00:07:51: Anita sitzt inzwischen auf der Rückbank des Wagens, das kleine Kind an sich gedrückt.
00:07:56: Der Mann gibt Gas!
00:08:24: Der Mann nimmt den Fuß vom Gas und Anita zieht das Kind noch enger an sich.
00:08:30: Viele Jahre später wird ein Aufruf im deutschen Fernsehen ausgestrahlt, dieser Aufrufe ist der Anfang und gleichzeitig das Ende einer tragischen Lebensgeschichte und einer verzweifelten Suche.
00:08:56: Meldet euch.
00:08:58: Und genau mit diesen Worten beginnt eine Suche und auf erschütternde Weise endet diese Suche auch genau hier, mit diesem Worten.
00:09:08: Hier in diesem einen Moment kreuzen sich Anfang und Ende.
00:09:12: Es geht um eine Suchee die Kraft fordert, um Mut und eine Suchei, die an Grenzen führt und an deren Ende es in einem ganz kleinen Zimmer schließlich um alles geht Um Leben, um Liebe, um Vertrauen und um Tod.
00:09:27: Wir erzählen heute von einer lebenslangen Suche, die schließlich in dieses kleine Zimmer führt.
00:09:32: Und was dort geschieht – das hast du schon angedeutet, das könnte man fast wie so ein Wunder oder Fügung Geschicksals nennen!
00:09:42: Das Ende, das möchte ich andeuten dieser Geschichte ist sehr bewegend und verstörend und vielleicht zugleich aber auch versöhentlich….
00:09:51: Anita wird mir viele Jahre nach dieser Nacht im Frühjahr, in der sie mit diesem Kind im Arm vor ihren Verfolgern flüchtet, einen sehr langen und ergreifenden Brief schreiben um mich um Hilfe bitten.
00:10:04: Daraufhin werde ich Sie kennenlernen.
00:10:07: Um anita mal zu beschreiben in dieser Begegnung mit ihr das ist eine ganz kleine zerbrechliche Frau kurze Haare aber sehr wache Augen bei dieser Begegnung so traurig war und so verzweifelt, dass sie gar nicht viel sprechen konnte.
00:10:25: Das musste sie auch gar nicht.
00:10:26: Eigentlich musste ich sie nur ansehen.
00:10:27: dann konnte man aussehen wie groß ihr Schmerz und die Verzweiflung waren.
00:10:32: aber sie hatte auch noch Hoffnung Und als Anita und ich uns kennengelernt haben war Anita schon eine sehr kranke Frau.
00:10:40: Dann war klar das ich gar nicht mehr viel Zeit hatte um ihren letzten großen Lebenswund zu erfüllen.
00:10:48: Aber wir kommen immer wieder zum Ende der Geschichte.
00:10:52: Wo kommt Anita her?
00:10:54: Ja, für den Anfang sprengen wir nach Ostberlin in die neunzehnhundertsechziger Jahre und Anita lebt hier in Ost-Berlin.
00:11:00: sie ist eine ganz kleine zarte und stille Frau Anfang zwanzig.
00:11:05: Sie hat lockige dunkelblonde Haare, die sie immer ganz ordentlich zusammengebunden hat Und Anita liebt Blumen und Bücher, sie näht gerne und das größte es für sie wenn sie ins Kino gehen kann.
00:11:18: Tag für Tag steht Anita zwischen den Regalen und hinter dem Dresen eines Lebensmittelgeschäfts.
00:11:23: Zucker, Mehl, Konserven, Abwiegen, Einpacken kassieren – das ist ihr Alltag hier in diesem Laden!
00:11:29: Wenn etwas fehlt dann organisiert Anita es, wenn jemand knapp bei Kasse ist findet sie immer eine Lösung ohne dass sich jemand bloß gestellt fühlt.
00:11:37: Ja Anita is sehr hilfsbereit auf so ne ganz stille unaufgeregter Art.
00:11:42: Alle hier im Viertel mögen Anita und dieses Vierteln, das ist der Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg.
00:11:48: Hier ist Anita aufgewachsen und hier sie geblieben.
00:11:52: Hier wohnt und arbeitet sie jetzt in den Sechzigerjahren als junge Frau.
00:11:55: Genau!
00:11:55: Das ist ihr Kiez sozusagen die Berliner.
00:11:57: ja zum Viertell.
00:12:00: vielleicht ein bisschen zur Einordnung.
00:12:02: Prenslauerberg ist heute natürlich ein Wahnsinnsviertel.
00:12:07: also alles ist super saniert diese wunderschönen alten Häuser aus der Gründerzeit mega hip.
00:12:17: Böse könnte man sagen, da ist so die Matcha-Fraktion und die Dinkelplätzchen Marms und so unterwegs.
00:12:25: aber positiv formuliert sind da viele junge Leute, viele Familien, viele Spielplätze.
00:12:33: ein tolles Viertel ich glaube kaum noch erschwinglich.
00:12:36: leider auch zum Teil Früher war das anders.
00:12:40: Ja,
00:12:40: früher war das definitiv anders als an Niedtnerenzehntenhundertsechzig hier gelebt hat.
00:12:45: Da war der berühmte Brenzlauer Berg alles andere als ein Szene- oder Trendviertel, sondern es war eine ganz andere Welt.
00:12:53: Die Fassaden der Häuser waren grau und verwittert, der Putz bröckelte und die Wohnungen waren klein und kühl und feucht.
00:13:01: Geheizt wurde fast immer mit Kohleöfen und der Rauch zog dann durch die offenen Fenster nach draußen.
00:13:08: Rochmann damals in Ostberlin auch.
00:13:10: Und die Gemeinschaftstoiletten auf dem Hof oder im Treppenhaus, die mussten sich mehrere Familien teilen.
00:13:16: Ja krass!
00:13:16: Kannst du dir nicht mehr furchtigen?
00:13:17: Nee,
00:13:17: kannst du nicht.
00:13:19: und genau deshalb haben viele Bewohner vom Prenzlauer Berg damals Anträge bei den kommunalen Wohnungsämtern gestellt und versucht in die Berliner Neubau-Viertel zu ziehen, die gerade gebaut wurden – auch an.
00:13:31: Nita Träumt davon, hier wegzugehen und ihr Zuhause zu verlassen?
00:13:36: Ja aber sie träumte jetzt nicht nur von dem anderen Stadtteil.
00:13:38: Und auch nicht nur vor einer Neubauwohnung.
00:13:40: Sie hat große Sehnsucht in sich nach einem ganz anderen Leben Denn Anita wollte nie als Verkäuferin arbeiten!
00:13:48: Sie hätte viel lieber irgendwas mit Blumen gemacht oder wäre vielleicht gerne Schneidering geworden also fast eher kreativ würde ich sagen Aber das war nicht möglich.
00:13:56: Ihre Ausbildung zur lederbaren Fachverkäuferin, die wurde ihr zugeteilt und die Arbeit im Laden ebenfalls – so war es!
00:14:07: Anita sehnt sich nach Weite, nach Freiheit, einer Welt in der man sich aussuchen kann wo und wie man lebt Und dieser Wunsch wird ihr kurze Zeit später zum Verhängnis werden aber der Reihe
00:14:20: noch Aber damals schon verheiratet.
00:14:26: Meine Ehe war kaputt, mein Mann und wir hatten uns nicht zu Sorgen.
00:14:32: Anitta verharmlost das Problem ihrer Ehe wenn sie sagt dass ihr Mann und Sie sich nichts mehr zu sagen hatten.
00:14:38: es ist leider viel dramatischer.
00:14:40: Anitas Ehemann ist Alkoholiker und er ist aggressiv und er is auch gewalttätig.
00:14:46: immer wieder kommt es in der gemeinsamen Wohnung zu Lautstarken auseinandersetzungen Und er schlägt Anita regelmäßig.
00:14:53: Anita und ihr Ehemann haben zwei kleine Töchter.
00:14:56: Sie heißen Carmen und Gabriele.
00:14:59: Carmen ist zwei Jahre alt, Gabriele ist ein Jahr alt Und diese beiden Mädchen sind Anitas ganzes und ihr größtes Glück.
00:15:07: Wenn sie den Laden verlässt und die Mädchen im Kinderhort abholt dann kommt es ihr vor als sei sie der glücklichste Mensch in ganz Berlin.
00:15:14: So hat es Anita mir später beschrieben.
00:15:17: Aber Anita ist auch besorgt!
00:15:18: Sie möchte nämlich nicht dass ihre Kinder hier aufwachsen Nicht hier in diesem Staat, nicht in diesem Viertel und auch nicht in dieser Wohnung also unter einem Dach mit ihrem meist betrunkenen und gewalttätigen Ehemann.
00:15:31: Oft weinen die beiden kleinen Mädchen wenn der Vater betrunkene Hause kommt und Möbel zerschlägt oder auf ihre Mutter einprügelt.
00:15:39: sie haben dann Angst und Anita hat natürlich auch Angst.
00:15:42: manchmal sitzt ihr auf dem alten Sofa in ihrem dunklen Wohnzimmer Carmen schläft an auf ihrem Schoß Gabriele in ihrem Arm Und Anita streicht ihren Töchtern sanft über die Köpfe.
00:15:53: Sie denkt dann an die Freiheit, die Sicherheit, an Ruhe, die sie ihren Kindern gerne schenken würde.
00:16:00: und da in diesem grau Kohleofenrauch und ihrem bedrückenden und von Gewalt geprägten Alltag trifft Anita eine Entscheidung Sie möchte nicht in der DDR bleiben.
00:16:11: Sie will in den Westen, in die Freiheit – sie will in die Bundesrepublik!
00:16:15: Sie ist zweiundzwanzig Jahre alt und sieht keine andere Möglichkeit für sich oder ihre Mädchen.
00:16:21: Wir sind ja im Jahr nineteenhundertsechzig, also wir wissen ja wie schwierig es später wurde, die DDR zu verlassen.
00:16:30: quasi unmöglich unter Todesgefahr vielleicht aber eigentlich fast nicht möglich.
00:16:36: Zu diesem Zeitpunkt im Jahr neunzehnhundertsechzig gibt es die Mauer an sich noch nicht.
00:16:41: Republikflucht ist verboten und wird sehr hart bestraft, aber realistischerweise muss man dazu sagen republik flucht kann neunzenhundertsechzig schon auch ganz gut gelingen und gelingt auch relativ oft noch.
00:16:54: Ja und hier noch eine Zahl um das noch besser einordnen zu können Im jahr neunzentzechzig sind Einhundertsechzigtausend DDR-Bürger in den Westen geflohen.
00:17:03: Also erfolgreich in den westen geflogen, diese einhundertzechzig tausend Menschen kamen wohl behalten in der Bundesrepublik an.
00:17:10: Also heißt einfach für Sie dass die Chancen das es klappen würde mit der Flucht den Western gar nicht so schlecht stand?
00:17:16: In diesem Jahr stand es nicht so schlecht.
00:17:17: wie gesagt diese hundert sechzig Tausend menschen im jahr das bedeutet dass sie jeden tag etwa vierhundertfünfzig Menschen die Grenze aus der DDR in den Westen passiert haben.
00:17:28: Anita ist verzweifelt, sie sieht überhaupt keine Perspektive für sich und deshalb fasst sie einen Entschluss.
00:17:33: und dieser Entschluß ist auf jeden Fall trotzdem gefährlich.
00:17:37: er ist riskant.
00:17:38: aber Anita geht davon aus dass es klappen wird dass sie eine von diesen täglich vierhundertfünfzig Menschen sein wird, die an den Grenzbeamten vorbei mit den Straßenbahnen und Zügen in Autos oder zu Fuß so in den Westen gelangen werden.
00:17:54: Und dann eines Tages entscheidet sie sich
00:17:58: Ja ich habe meine beiden Kinder genommen und bin einfach abgebaut weil ich meiner beiden Kinder ein Feuer aufwachsen sehen wollte.
00:18:07: Es ist der Dreiundzwanzigste Juni.
00:18:09: nineteen Hundertsechzig.
00:18:11: Anita's Mann verlässt morgens die Wohnung, um zur Arbeit zu gehen.
00:18:14: Kaum ist er weg, packt Anita einen kleinen Koffer und läuft mit ihren beiden kleinen Töchtern hinaus auf die Straße.
00:18:21: Hier draußen auf der Straße ist es wie immer morgens turbulent.
00:18:25: Menschen eilen zur Arbeit, Kinder zur Schule – und niemand schenkt Anita und ihrem beiden kleinen Kindern Beachtung!
00:18:32: Anita steigt hastig in die Straßenbahn.
00:18:34: Sie drückt ihre beiden Töchter an sich und sie versucht ruhig zu atmen Während die Bahn langsam ihr Viertel den Prenzlauer Berg verlässt.
00:18:43: Nur noch ein Stück weiter denkt Anita, dann bin ich frei!
00:18:47: Aber es wird anders kommen.
00:18:49: Innerhalb weniger Stunden verwandelt sich Anitas Leben in einen Albtraum.
00:18:53: Die Ereignisse werden Anita zu Entscheidungen zwingen, die sie sich niemals hätte vorstellen können.
00:19:00: Sie wird über sich hinauswachsen, sie wird Kräfte in sich entdecken von denen sie nichts ahnte und doch wird sie Schritte gehen müssen die sie sich selbst niemals wird verzeihen können.
00:19:12: Ihr ganzes weiteres Leben lang
00:19:14: nicht.".
00:19:14: Wir haben es schon gesagt, im Jahr nineteenhundertsechzig gibt's die Mauer noch nicht?
00:19:19: Trotzdem sind die Grenzübergänge in den Westen streng bewacht und ohne eine offizielle Genehmigung darf niemand die DDR verlassen.
00:19:28: Diese Genehmigung nennt sich Ausweis zur Reise in den Westen oder kurz West-Genehmigung.
00:19:35: Diese Westgenehmigung hat Anita nicht und sie hätte auch niemals eine bekommen, denn sie ist jung.
00:19:40: Sie ist arbeitsfähig und sie ist Mutter.
00:19:43: Und ja es ist völlig unwahrscheinlich dass die DDR-Behörden in ihrem Fall eine Ausreise an den Westen zugestimmt hätten.
00:19:50: Anita weiß das.
00:19:51: sie sich strafbar macht wenn sie gleich versucht die Grenze ohne Genehmigung zu passieren Versucht.
00:19:57: die Republik Flucht ist ein Vergehen, das in der DDR hart bestraft wird.
00:20:01: Mit Gefängnis und oft geht es da um mehrere Jahre Haft.
00:20:04: Wer erwischt wird muss mit dramatischen Konsequenzen rechnen.
00:20:08: Das alles ist Anita klar als sie in der Straßenbahn sitzt Aber sie hofft dass sie genau wie viele andere DDR-Bürger zu dieser Zeit Die Grenzkontrollen unbemerkt passieren kann.
00:20:19: Hättest du das gemacht mit einem einund zweijährigen Kind?
00:20:24: Ich kann es mir nicht
00:20:25: vorstellen.
00:20:25: Ich kann gerade die Zeit so schwer einschätzen, also klassisch später finde ich's völlig unvorstellbar.
00:20:34: aber zu der Zeit...ich weiß es nicht!
00:20:38: Also es hängt wahrscheinlich von deinem persönlichen Leidensdruck unter den Umständen ab.
00:20:43: Ja, deinem Leidendruck und wahrscheinlich auch deinen Vorstellungen von deinm Leben.
00:20:47: die Anita hat eine Ausbildung gemacht, die sie nicht machen wollte.
00:20:50: Sie lebt in einem Viertel indem sie vielleicht auch nicht leben möchte.
00:20:53: Alles wird zugeteilt und ist reglementiert.
00:20:56: Ich glaube
00:20:56: ich hätte das jetzt
00:20:57: auch gemacht
00:20:58: Aber vielleicht allein mit Kind... also nicht die Kinder zurücklassen meine ich nicht Sondern wenn ich alleine gewesen wäre hätte ich's gemacht Mit Kindern.
00:21:05: Die Kinder sind
00:21:07: das
00:21:07: Thema, ne?
00:21:08: Gut sie macht es wegen der Kinder.
00:21:11: Anita muss in Trepto umsteigen!
00:21:13: Sie ist schon in der Bahn die Richtung Westberlin fährt als sie plötzlich in eine Kontrolle gerät.
00:21:18: Zwei uniformierte Männer wollen ihre Papiere sehen.
00:21:22: Die Kinder werden unruhig, kamen weinleise.
00:21:24: Gabriele drückt sich an ihren Hals.
00:21:27: Anita versucht ruhig zu wirken aber sie weiß dass ihre Flucht an diesem Punkt endet.
00:21:33: Sie hat keine Chance Denn ihr fehlt die West-Genehmigung und ohne die hätte sie nie in diesem Zug Richtung Westberlin einsteigen dürfen.
00:21:41: Die Kontrolleure handeln sofort!
00:21:45: Die Kinder haben sie ins Heim gebracht, ich bin dann nach Bautzen gekommen.
00:21:51: Eigentlich soll Anita im Berlin in Untersuchungshaft genommen werden aber es gibt keinen freien Platz für Sie.
00:21:57: deshalb wird sie direkt nach Baudsen gebracht.
00:22:00: Sie erfährt noch, dass ihre Töchter in das Kinderheim Königsheide gebraucht werden.
00:22:04: Das liegt im Bezirk Treptoköpenik in Ostberlin.
00:22:08: Kurze Zeit später trifft Anita in Bautzen ein.
00:22:11: Die Haftanstalt ist jedem in der DDR einen Begriff – das Gefängnis ist gefürchtet und berüchtigt!
00:22:17: Bautsen ist eine Sonderhaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit.
00:22:22: Stasi-Knast wird Bautson oft genannt.
00:22:24: oder das gelbe Elend?
00:22:27: Ja und hier in Baudsen wird Anita nun verhört.
00:22:30: Mehr als fünfzig Jahre später wird Anita dir einen Brief schreiben.
00:22:34: Und in diesem Brief wird sie dich um Hilfe bitten, weil sich jemanden vermisst der spurlos verschwunden ist.
00:22:40: In diesem Brief hat sie dir auch beschrieben wie es ihr da im Bautzen ergangen ist und das hier ist jetzt ein Ausschnitt aus dem Brief.
00:22:48: Dort in Bautsen begann die wahre Hölle.
00:22:51: Im Keller waren die Vernehmungsräume.
00:22:53: Zuerst wollte man ganz freundlich wissen zu wem ich in den Westen wollte Ob ich verwandte in West-Berlin hatte Und wo die wohnten.
00:23:02: Und wer mir bei der Flucht geholfen hatte oder wer darüber informiert war, aber ich kannte niemanden im Westen und ich hatte niemandem von meinen Fluchtplänen
00:23:11: erzählt.".
00:23:13: Diese scheinbare Freundlichkeit der Vernehmer am Anfang eines Verhörs – die war ganz typisch!
00:23:18: Die war Teil einer gezielten Verhört-Strategie.
00:23:22: Diese Freundlichkeit sollte nämlich Nähe simulieren und helfen Vertrauen aufzubauen um damit leichter an Informationen zu kommen.
00:23:29: Doch Anita konnte nichts preisgeben, denn sie hatte keine Hintermänner.
00:23:33: Keine Pläne, keine Namen!
00:23:35: Anita beschreibt viele Jahre später in ihrem Brief an dich wie es dann
00:23:39: weiterging.".
00:23:40: Dann wurde der Ton härter und an Tag drei begannen die Schläge.
00:23:45: Die DDR würde doch gut für ihre Bürgersorgen sagten Sie – und dass man hier doch alles hätte was man zum Leben braucht.
00:23:52: Nachts ging das Licht immer an und aus.
00:23:54: ich konnte nicht mehr schlafen und am nächsten Tag wieder verhör.
00:23:59: Da wurden die Schläge noch härter.
00:24:01: Sie sind eine Verbrecherin, sagten die Männer im Verhör immer wieder – sie sind schlimmer als sein
00:24:07: Mörder.".
00:24:08: Die Schlägen im Verhöhrraum werden immer brutaler und nach einigen Tagen wird die völlig entkräftete Anita auf die Krankenstation gebracht.
00:24:17: Man hat sie so hart in den Nieren geschlagen dass sie während des Verheirs zusammen gebrochen ist.
00:24:23: Kurze Zeit später erfährt Anita, dass einen Prozess stattgefunden hat und das sie in Abwesenheit wegen ungesetzlichen Grenzübertritts schuldig gesprochen wurde.
00:24:33: Sie wird zu acht Monaten Haft verurteilt.
00:24:52: Für Anita ist das alles ein fürchterlicher Albtraum.
00:24:56: Die Verhöre und die Misshandlungen liegen zwar jetzt hinter ihr, aber hier in diesem Gefängnis scheint die Zeit nicht zu vergehen – jeder Tag zieht sich quälen langsam dahin!
00:25:07: Anita sehnt sich nach ihren beiden kleinen Töchtern, nach Carmen und Gabriele ….
00:25:12: Und sie kann diese Ungewissheit kaum aushalten….
00:25:15: Sie hat nur einen einzigen Wunsch, ihre Mädchen in die Arme zu schließen….
00:25:19: In den Nächten weint Anita oft viele Stunden.
00:25:22: Die Sorge und die Angst um ihre Kinder, die kann sie kaum ertragen.
00:25:27: Herrschrecklich!
00:25:28: Also diese Tage in diesem Gefängnis, ich stelle mir das fürchterlich vor?
00:25:31: Vor allem halt überhaupt nicht zu wissen... also es sind ja fast noch Babys, ne?
00:25:34: Ein oder zwei Jahre sind sie da.
00:25:36: Und die weiß ja gar nicht, sind Sie noch da in diesem Kinderheim Königsheide?
00:25:40: Oder hat man die auch schon wieder weggebracht?
00:25:43: Wie geht's den Kindern?
00:25:45: Haben sie
00:25:47: die getrennt, was ja auch oft vorkam.
00:25:50: Und zwar mit Absicht.
00:25:51: Anita hat mir das so beschrieben, dass sie eigentlich ... Die ganze Haft in ihrer Erinnerung durchgeweint hat.
00:25:57: Sie konnte einfach nicht aufhören zu weinen!
00:26:00: Sie hat sich das manchmal ausgemalt und versucht, mit dem Gedanken zu trösten wie es wäre, die Kinder wiederzusehen und diese Arme um ihren Hals legen würden Wie die Kinder riechen, wie die Stimmen klingen.
00:26:16: Das ist einfach unvorstellbar.
00:26:19: Ja das ist unvorstellbar!
00:26:21: Im Januar nineteenhundertsechzig wird Anita endlich entlassen.
00:26:25: Die schweren Türen des Gefängnisses öffnen sich und draußen wartet ihre Mutter in der Kälte auf sie.
00:26:31: Die Frauen umarmen sich und besprechen sich kurz.
00:26:34: Dann laufen Sie zur nächsten Bahnhaltestelle denn Anita möchte keine Zeit verlieren.
00:26:38: Sie möchte sofort zum Kinderheim fahren, um ihre Töchter zu sehen und sie im besten Falle direkt mitzunehmen.
00:26:53: Die beiden Frauen fahren also direkt vom Gefängnis hinaus zum Kinderheimkönigsheide.
00:26:58: Das Kinderheim ist ein riesiges Gelände mit einzelnen Wohntrakten.
00:27:02: Sechshundert Kinder sind hier zeitweise untergebracht.
00:27:06: Drinnen und draußen herrscht reges Treiben.
00:27:08: Auf den Wegen zwischen den Häusern spielen Kinder in kleinen Gruppen.
00:27:11: Sie tragen dünne Winterjacken und laufen durch den Schnee, andere Kinder wiederumstehen oder lehnen verloren an den Wänden der Gebäude.
00:27:20: Anita und ihre Mutter fragen zunächst am Eingang nach Carmen und Gabriele.
00:27:23: dann laufen sie durch die unterschiedlichen Wohnblocks des Heims.
00:27:27: Anita beschreibt das später in ihrem Brief an dich
00:27:30: so.
00:27:31: Im Kinderheim Königsheide haben wir versucht meine Kinder zu finden aber niemand hat mir geholfen.
00:27:38: Alle sagten, dass ich kein Recht hätte die Kinder zu sehen.
00:27:42: Meine Mutter und ich – wir sind trotzdem weitergegangen von Gebäude zur Gebäudee.
00:27:47: Als wir in einem Flur standen da lief plötzlich ein kleines Mädchen über den Gang.
00:27:52: Das war Carmen!
00:27:54: Meine Mutter oder ich haben nach ihr gerufen aber in diesem Moment stellte sich eine Wärterin zwischen uns und meine Tochter Und sie sagte Ich solle das Gebäudes sofort verlassen.
00:28:04: Ich habe mich geweigert und ich habe gesagt, dass sich sofort mein Kind sehen
00:28:09: will.".
00:28:11: Doch in diesem Moment kommen zwei Volkspolizisten in den Flur.
00:28:14: Irgendjemand aus dem Heim muss sie gerufen haben.
00:28:17: Sie fordern Anita und ihre Mutter auf das Gelände so fort zu verlassen.
00:28:22: Anita greift hastig in ihre Tasche – sie zieht die Entlassungspapiere hervor!
00:28:27: Mit zitternden Händen hält sie sich den Männern entgegen.
00:28:30: Sie will erklären, dass sie ihre Strafe verbüßt hat.
00:28:33: Dass sie frei ist!
00:28:35: Dass sie das Recht hat, ihre Kinder zu sehen – sie abzuholen und mit nach Hause zu nehmen.
00:28:40: Doch die Polizisten lassen sich auf kein Gespräch ein.
00:28:43: Ohne weitere Diskussion führen sie Anita und ihrem Mutter aus dem Heim.
00:28:48: Anita schaut sich noch einmal um Ob sie die kleine Carmen vielleicht noch einmal kurz sehen kann, aber die Erzieherin hat das kleine Mädchen bereits weggebracht.
00:28:57: Anita zieht nun bei ihrer Mutter ein.
00:28:59: Sie versucht Schritt für Schritt in ein normales Leben zurückzufinden.
00:29:03: Sie wird jetzt als Lagerarbeiterin eingesetzt – sie steht morgens auf, erledigt ihre Aufgaben, spricht mit Kollegen, sie geht einkaufen und hilft im Haushalt.
00:29:13: Nach außen wirkt alles geordnet Aber Anita vermisst ihre beiden Töchter.
00:29:18: Sie fährt oft hinaus zum Heim, aber sie erfährt nichts über Kamen und Gabriele.
00:29:22: Und sie wird auch nicht zu ihnen
00:29:24: gelassen.".
00:29:24: Du musst dir das vorstellen!
00:29:26: Ich würde wirklich verrückt werden.
00:29:28: Also du hast da eine Strafe verbüsst die sowieso auch völlig ungerechtfertigt ist willkürlich weil du frei sein wolltest.
00:29:37: dann werden ja die Kinder weggenommen Dann weißt du wo die sind?
00:29:40: Du verbüßt diese Strafe also du hast die abgegolden oder wie sagt man da so?
00:29:45: Du bist frei Und der Staat sagt, nein du kriegst deine Kinder nicht mehr.
00:29:50: Ich würde durchdrehen auch über dieses Unrecht.
00:29:55: Ja das Unrecht aber vor allem dieser Schmerz also keine Kinder nicht bei dir zu haben ist... Also kann man sich gar nicht vorstellen wenn Anita manchmal zum Heim fährt und nicht reingelassen wird dann steht sie Stundenlang vor dem Tor des Heims um ihren Kindern wenigstens räumlich nah zu sein, weil sie weiß ein paar Meter weiter irgendwo in einem der Gebäude sind sie untergebracht.
00:30:17: Ich total nachvollziehend.
00:30:19: Anita werden in diesen Monaten zwei Dinge klar Sie wird in der DDR nie frei leben können Denn wer einmal als Republik flüchtig gilt Der wird vom System überwacht Misstrauisch beäugt und von Möglichkeiten ausgeschlossen die anderen offen stehen.
00:30:35: Und was noch viel erschütternder ist, Anita ahnt dass die Behörden der DDR ihr die beiden Kinder nie wieder anverkrauen werden.
00:30:44: Weil man ihr vor dem Hintergrund ihres Fluchtversuches die Fähigkeit abspricht ihre Töchter im Sinne des Sozialismus zu erziehen.
00:30:51: statt als Mutter wird sie als politisches Risiko betrachtet, als jemand der die falschen Werte verkörpert.
00:30:58: Ja und die Erkenntnis, die sie hat ist völlig klar.
00:31:01: das ist auch genau so.
00:31:03: also wenn Sie die Situation so lässt dann bedeutet dass sie wird niemals mehr mit ihren Kindern zusammenleben und sie wird sie auch nicht aufwachsen sehen.
00:31:13: Und noch eine weitere Sache wird Anita klar in diesem Heim aufzuwachsen?
00:31:17: Das kann Kinder brechen!
00:31:19: Anita sieht bei Ihren Besuchen ewig lange vorne am Tor wartet oder auch mal auf das Gelände gelangt, kaum glückliche Kinder.
00:31:27: Und in der Rückschau müssen wir es auch bestätigen.
00:31:29: also es mag auch dort Heimkinder gegeben haben die in dem Heim gut zurechtkam, aber viele ehemalige Heimkinder haben uns berichtet dass es in diesem Kinderheim dort oft extrem hart zu ging.
00:31:43: Dass die Regeln sehr streng waren das Personal sehr fordernd und manche Erlebnisse einschüchternd und auch traumatisierend war.
00:31:52: Für viele war das heim kein Ort der Geborgenheit sondern ein Ort an dem man sich immer ausgeliefert gefühlt hat.
00:31:59: Anitas Eindruck täuscht sie nicht und ist in ganz großer Sorge um ihre beiden Mädchen.
00:32:04: Anita lernt in dieser Zeit einen Mann kennen, der ihr von seinen Plänen erzählt, in den Westen zu fliehen – das ist im März, nineteenhundertsechzig.
00:32:13: Noch steht die Mauer nicht?
00:32:15: Noch gibt es die Chance es tatsächlich zu schaffen!
00:32:18: Eine Flucht ist riskant aber sie ist immer noch möglich.
00:32:21: Als diese Bekannte von seinen Fluchtplänen spricht, spürt Anita dass sich etwas in ihr regt eine Hoffnung Das hier könnte eine reale, greifbare Möglichkeit sein.
00:32:31: Und die einzige Chance für Anita – ihre Töchter selbst groß zu ziehen!
00:32:36: Anita ist klar dass ihre Mädchen wenn sie in der DDR bleiben im Kinderheim aufwachsen oder adoptiert werden und Anita bittet den Mann sie mitzunehmen in den Westen Sie und Gabriele und Carmen.
00:32:50: Ich wollte aber nicht ohne meine Kinder weg.
00:32:54: Warum musst du denn sagen so komm?
00:32:59: Und das wird sich Anita von nun an ihr ganzes Leben angefragen.
00:33:03: Warum musste es so kommen?
00:33:05: Denn sie wird kurze Zeit später die schwerste Entscheidung ihres Lebens treffen, eine Entscheidung mit tragischen Folgen.
00:33:12: Sie wird diese Flucht wagen aber es wird alles anders kommen als sie sich das vorgestellt hat.
00:33:19: Der Mann zögert doch schließlich sagt dazu er wird Anita und ihre beiden Töchter mitnehmen in den Westen.
00:33:26: Die beiden planen jetzt diese Fluchte.
00:33:28: Anita und ihr Bekannter setzen auf einen Moment, in dem der Staat sich selbst feiert.
00:33:33: Denn für den ersten Mai, den kackt er Arbeit werden in Berlin jedes Jahr große Paraden vorbereitet, transparente aufgehängt, Tribünen aufgebaut und Veranstaltungen geplant.
00:33:45: Anita und Ihr Bekannte hoffen es genau darin ihre Chance liegt!
00:33:49: Wenn sich nämlich alles auf die bevorstehenden Feierlichkeiten konzentriert wenn die Einsatzkräfte in den Innenstädten gebunden sind dann Das ist ihre Hoffnung, herrscht an anderer Stelle vielleicht weniger Aufmerksamkeit.
00:34:03: Zwei Tage vor ihrem geplanten Fluchttermin geht Anita noch einmal ins Kinderheim.
00:34:08: Sie erfährt, dass ihre ältere Tochter Carmen mit einer leichten Erkältung auf der Krankenstation in ihrem Wohntrag liegt.
00:34:16: Die Krankenstation befindet sich im Erdgeschoss Und hier hat an diesem Tag eine sehr nette junge Krankenschwester-Dienst.
00:34:24: Sie begrüßt Anita und lässt sie sogar kurz durch eine Fensterscheibe ins Krankenzimmer schauen!
00:34:30: Anita sieht ihr Kind, das Gesicht ist blass die Augen müde und Gedanken verloren spielt sie mit einer kleinen Puppe.
00:34:37: Die nette Krankenschwester plaudert weiter.
00:34:40: Der Schlafsaal der Mädchen befindet sich einen Stock höher.
00:34:44: dort sei auch Kamens Schwester Gabriele untergebracht.
00:34:47: Anita versucht sich alles einzuprägen.
00:34:50: Die Wege, die Treppen und die Türen.
00:34:52: Dann verabschiedet sie sich Denn sie möchte keinen Verdacht erregen.
00:34:56: Es ist der dreißigste April, die Nacht vor dem Tag der Arbeit.
00:35:00: Es ist die Nacht in der es losgehen soll.
00:35:03: Anita verabsiedelt sich von ihrer Mutter.
00:35:05: Die beiden Frauen weinen.
00:35:06: Sie gehen davon aus dass sie sich nie wieder sehen werden.
00:35:09: Dann steigt Anita zu ihrem Bekannten in den Wagen.
00:35:12: Es ist dunkel Und sie fahren los Richtung Treptow Richtung Kinderheim.
00:35:17: Hier geht alles ganz schnell.
00:35:18: Mit ausgeschalteten Scheinwerfern rollt Anitas bekannter vor das Tor des Kinderheims.
00:35:24: Die beiden steigen aus, schneiden ein Loch in den Zaun und laufen auf das Gelände.
00:35:30: Um in den Trakt zu gelangen, indem Anitas Töchter untergebracht sind müssen sie eine Scheibe einschlagen.
00:35:36: Dann sind Sie im Flur des Gebäudes Doch plötzlich gehen sie reden an.
00:35:40: Anita läuft in das Krankenzimmer Und hebt Carmen vorsichtig aus dem kleinen Bettchen.
00:35:45: Sie umarmt sie ganz fest.
00:35:48: Es ist das erste Mal seit fast zehn Monaten, dass ihr Kind in den Armen hält.
00:35:52: Tränen laufen über Ihr Gesicht während sie kamen eng an sich presst.
00:35:56: Wir müssen hier raus, ruft ihr Begleiter und zwar sofort.
00:36:00: Das Heulen der Sirenen wird gleich die Volkspolizei auf dem Plan rufen Jetzt noch nach Gabriele zu suchen – das ist völlig unmöglich!
00:36:08: Es geht um Sekunden Und in diesem Moment trifft die junge Mutter die schwerste Entscheidung ihres Lebens.
00:36:15: Sie dreht sich um.
00:36:16: Sie umklammert, ihre Tochter kamen und läuft hinaus ins Freie in die Dunkelheit wo das Heulen der Sirenen noch lauter ist als in dem Gebäude.
00:36:25: Anita lässt ihre jüngere Tochter Gabriele zurück.
00:36:29: Ihr krankes Kind in den Armen rennt die Mutter hinter ihrem Bekannten über das Gelände zu dem Loch
00:36:35: entzauern.".
00:36:36: Anitas Freund startet den Motor während Anita sich mit ihrem Kind hastig auf die Rückbank des Wagens wirft.
00:36:42: Sie zieht kam ganz fest an sich und sie duckt sich instinktiv so als könnte sie unsichtbar werden.
00:36:49: Ihr Freund gibt Gas, mit hoher Geschwindigkeit rasen sie nun Richtung Grenze.
00:36:54: Als die den Grenzzaun schon sehen können fallen Schüsse.
00:36:58: Anita hört schreie Und auch hier wieder sie rennen.
00:37:00: Sie schließt die Augen und presst ihr Kind an sich.
00:37:04: Plötzlich kommt der Wagen abrupt zum Stehen.
00:37:07: Anita öffnet die Augen.
00:37:08: Männer reißen die Türen auf und schreien raus, raus!
00:37:11: Und auch ihr Begleiter brüllt – raus hier!
00:37:15: Hände greifen nach ihr und sie wird aus dem Fahrzeug gezogen.
00:37:18: Immer noch fallen Schüsse und sie reden Heulen auf.
00:37:22: Anita erkennt jetzt dass der Wagen in dem Grenzzaun stecken geblieben ist.
00:37:26: Sie ist völlig orientierungslos und sie lässt sich von den Männern in Uniform die um das Fahrzeug herum eilen wegziehen.
00:37:33: Diese Männer sind Grenzpolizisten der Bundesrepublik.
00:37:37: Anita hat es geschafft.
00:37:39: Die Schnauze im Westen, das Hinterteil in der DDR – so beschreibt sie mir viele Jahre später als ich sie kennenlerne die Position des Fluchtwagens im Grenzzaun.
00:37:51: Hinter uns wurde dann die Schoße und wir waren schon an der Grenze.
00:37:55: Da hatten Sie von uns zurück, rüber jetzt so.
00:38:03: In einem Krankenwagen werden.
00:38:05: Anita ihr Bekannte und die Kleine kamen in eine Klinik gebracht.
00:38:08: Carmen hat eine leichte Lungenentzündung, Anita und ihr Fluchthelfer sind bis auf ein paar Prellungen und Schürf- und Schnittwunden unverletzt.
00:38:17: Anita hat es geschafft!
00:38:19: Sie ist im Westen – aber freuen kann sie sich nicht.
00:38:22: Sie sitzt im Flur des Krankenhauses und sie weint.
00:38:25: Sie hat eine ihrer Töchter zurücklassen müssen ….
00:38:29: Und sie weiß dass sie Gabriele nie wieder sehen wird.
00:38:33: Ganz vorsprachbar, ganz schlimmer Augenblick, gelobene
00:38:41: Tränen.
00:38:49: Ja, Anita wird sich von nun an immer schuldig fühlen.
00:38:52: Ihr ganzes Leben lang!
00:38:55: In den folgenden Tagen funktioniert sie nur noch.
00:38:57: Sie erledigt was erledickt werden muss – Formulare, Gespräche und Untersuchungen.
00:39:02: Wir haben hier ihren Laufzettel für das Notaufnahmeverfahren.
00:39:06: Jede Station ist vermerkt Medizinische Untersuchung, polizeiliche Registrierungen, Anhörungen.
00:39:12: Untergebracht wird Anita in einer Notunterkunft im damaligen West-Berlin, auch das steht hier drauf und überall ist ihr Name vermerkt.
00:39:23: und ein kleiner Zusatz.
00:39:25: Im Begleitung eines Kindes – und in Klammern drei Jahre alt!
00:39:29: Das ist Carmen.
00:39:30: Gabriele ist noch in Ostberlin.
00:39:33: Luftlinie sind es nur wenige Kilometer bis zum Kinderheim Königsheide.
00:39:37: Ein paar Kilometer Eine Strecke die man eigentlich zu Fuß gehen könnte.
00:39:42: Und doch liegen zwischen Anita und ihrer kleinen Tochter jetzt Welten.
00:39:46: Und eine Grenze?
00:39:48: Eine Grenze mit Flutlicht, bewaffneten Soldaten, bellenden Hunden und viel Stacheldraht!
00:39:55: Nur wenige Monate später in der Nacht von zwölften auf den dreizehnten August nineteenhundertsechzig wird mit dem Bau der Mauer begonnen.
00:40:05: Eine Flucht mit einem Wagen durch ein Grenzzaun wäre nun nicht mehr möglich... Was ist eigentlich aus diesem Bekannten geworden, also der das auch mitmöglich gemacht hat?
00:40:16: Der den Wagen gefahren ist.
00:40:17: Ja
00:40:18: wenige Wochen nach ihrer Flucht erhält Anitas bekannter – und der Mann, der sie und ihre Tochter kamen in den Westen gebracht hat – mehrere Telegramme aus der DDR.
00:40:26: Und darin wird ihm mitgeteilt dass seine Mutter im Sterben liegt und dass ihr sofort nach Hause kommen soll!
00:40:32: Anita warnt ihn immer wieder, dass es ein Trick sagt sie zu ihm doch er hört nicht auf Sie Und dort wird er sofort festgenommen.
00:40:44: Anita erfährt einige Zeit später, dass ihr bekannter im Gefängnis gestorben ist.
00:40:48: War das wirklich nur ein Trick um ihn zurückzulocken?
00:40:52: Ja!
00:40:53: Die Mutter war noch nicht mal
00:40:54: krank.
00:40:54: Auch so ungerecht und der hat zu viel auch eigentlich auf sich genommen.
00:40:58: Der hätte es ja auch einfacher gehabt wäre einfach alleine geflogen.
00:41:01: Ein
00:41:01: enormes Risiko.
00:41:03: dieser Umweg über das Kinderheim und die Entführung des Kindes.
00:41:07: Anita lässt sich mit ihrer Tochter Carmen in West-Berlin nieder.
00:41:37: gelingt es Anita, ihren Kindern Wärme und Stabilität zu geben?
00:41:41: Ich hab Michael ja auch kennengelernt.
00:41:43: Und ich finde ... Ja, ich konnte gleich merken, dass es da wirklich ein inniges und sehr vertrauensvolles Verhältnis zur Mutter gab.
00:41:51: Also die war sehr eng mit ihren Kindern, glaub' ich!
00:41:55: Und ich glaube, Anita war's immer ganz wichtig, dass das eben nicht zwei Kinder sind sondern drei Kinder.
00:42:00: Es war Michael auch immer bewusst, dass er eine Schwester hat, die einfach nicht bei ihnen sein kann.
00:42:07: spürt Michael auch immer, wie sehr seine Mutter unter diesem Verlust leidet.
00:42:13: Wir können nicht viel reden bei sie in meinem Train-Ausbruch.
00:42:16: Es sind Kurzzeitgegespräch und dann müssen wir auch abbrechen weil die Fassung ist nicht mehr da.
00:42:23: Anitas Mutter bleibt zunächst in der DDR und sie versucht das Schicksal ihrer Enkelin Gabriele im Blick zu behalten.
00:42:31: Doch das ist kaum möglich!
00:42:33: Sie erhält nur bruchstückhafte Informationen, sie darf das Mädchen nicht sehen und ihr auch keine Briefe schreiben.
00:42:40: Sie hört irgendwann, dass Gabriele von einem Ärzte-Ehepaar aufgenommen worden sei – für einen Moment haben alle Hoffnung!
00:42:46: Vielleicht würde Gabriele ja nun in einer Familie aufwachsen und dort Liebe und Geborgenheit
00:42:51: finden.".
00:42:52: Doch kurze Zeit später erfährt Anita's Mutter, das Gabriele wieder in das Kinderheim Königsheide zurückgebracht wurde.
00:43:00: Viele Jahre später als Anita´s Mutter in Rente geht stellt sie ein Ausreiseantrag….
00:43:05: …und der wird bewilligt.
00:43:07: Sie zieht nun zu ihrer Tochter und ihren Enkelkindern Carmen und Michael nach West-Berlin.
00:43:13: Als die Mauer Ninetehneunundachtzig fällt, fährt Michael mit seiner Mutter hinüber nach Ostberlin.
00:43:19: Zwischen den jubelnden Menschen den geöffneten Grenzübergängen und den fremdgewordenen Straßen steht Anita plötzlich auf der anderen Seite der Stadt – Auf der Seite der Stad, auf der sie selbst aufgewachsen ist Und auf der sich ihre Tochter zurückgelassen hat.
00:43:36: Für viele sind diese Tage ein historischer Moment.
00:43:39: Aber für Anita ist es ein Moment des Schmerzes, der Erinnerung und vor allem der Trauer um ihr verlorenes Kind.
00:43:47: Anita, Carmen und Michael beginnen jetzt nach der Wende mit der Suche nach Gabriele.
00:43:53: Michael bedeutet es unendlich viel seine Schwester zu finden.
00:43:59: Mein Herz sagt mir einfach als meine Schwester, ich möchte mal fragen wie sie geht, wie sie ergangen ist ... möchte er wissen, ob die Familie dadurch auch größer geworden ist und einfach nur die Familie wieder zusammenzufügen.
00:44:12: So wird sich eigentlich gehört – und wegen meiner
00:44:15: Mutter.".
00:44:16: Die Grenzen sind offen und die DDR gibt es bald nicht mehr.
00:44:20: Anita beginnt nun mit der Suche.
00:44:22: Sie möchte ihre Tochter Gabriele finden.
00:44:24: Sie läuft von Amt zu Amt, sie legt alte Unterlagen vor, sie nennt Namen und Daten und bittet um Einsicht in Akten.
00:44:33: Doch überall stößt sie auf Schweigen oder auf den Hinweis, dass Unterlagen nicht mehr auffindbar seien.
00:44:39: Manche können ihr nicht helfen, andere wollen es vielleicht auch
00:44:42: nicht.".
00:44:42: Gelegentlich fährt Anita mit Michael in das ehemalige Kinderheim Königsheide.
00:44:48: Es wurde in nineteenhundertsechzig übrigens unbenannt und hieß nun Kinderheim AS Makarenko.
00:44:55: Die Adresse in der Südost-Allee existiert noch – Das Gebäude steht weiterhin!
00:45:00: massiv und abweisend wie früher.
00:45:03: Doch es ist längst kein Kinderheim
00:45:04: mehr.".
00:45:05: Michael erinnert sich daran, dass er immer ein beklemmendes Gefühl hatte wenn er vor diesem ehemaligen Heimstand in dem seine Schwester wahrscheinlich groß geworden ist.
00:45:15: Ich hatte nicht den Eindruck das das eine Ort war an dem glückliche Kinder gelebt haben.
00:45:19: so hat er es uns gesagt.
00:45:21: Anita und ihre Kinder finden nichts über Gabrielles weiteren Lebensweg – weder in den Archiven noch in den Registern der Behörden weder in alten Unterlagen oder in neu geöffneten, inzwischen zugänglichen Akten.
00:45:34: Gabrielles Name taucht nirgends auf – es gibt keinen Vermerk, keinen Hinweis und keine Spur.
00:45:41: Anita schreibt dir schließlich einen verzweifelten Brief.
00:45:44: Sie ist inzwischen schwer krank und sie will einen letzten Versuch wagen ihre Tochter zu finden.
00:45:50: Es ist ein langer und sehr bewegender Brief.
00:45:52: Wir haben ja Auszüge daraus schon gehört.
00:45:55: Ich bin dann nach Berlin gefahren und habe Anita und ihren Sohn besucht.
00:46:00: Anita war da schon sehr gezeichnet und geschwächt von Krankheit, sie saß vor mir und weinte viel.
00:46:06: und da komme ich zu dem was ich am Anfang heute angedeutet hab.
00:46:12: Mir war da sehr klar, ich hatte da viel Druck auf mich weil ich wusste dass sich nur sehr wenig Zeit für diese Suche haben werde.
00:46:21: Du hattest Gabrieles Namen in Geburtsnamen und auch ihr Geburtsdatum.
00:46:25: Aber du wusstest nicht, ob sie später vielleicht adoptiert worden war?
00:46:29: Wenn das der Fall gewesen wäre, hättest du kaum eine Chance gehabt, sie zu finden!
00:46:33: Denn dann hätte Gabriele einen neuen Namen erhalten und ihre Spur wäre kaum noch nachzuverfolgen gewesen.
00:46:40: Es war alles offen – und niemand wusste wohin dich diese Suche führen würde.
00:46:48: Ich bin direkt zu dem ehemaligen Kinderheim gefahren.
00:46:51: Auf dem Gelände, auf dem früher unzählige Kinder untergebracht waren, waren nun elegante Eigentumswohnungen geplant.
00:46:59: Ich dachte Ananita, die hier irgendwo mit ihrem Bekannten in der Nacht zum ersten Mai有一undsechzig einen Loch in den Zaun geschnitten und ihre älteste Tochter Carmen entführt hatte.
00:47:11: Doch hier auf dem Geländen des ehemalligen Kinderheims kam ich nicht mehr weiter.
00:47:15: Ich versuchte dann, bei den Berliner Ämtern und Behörden Informationen über Gabriele zu finden – ohne Erfolg.
00:47:23: Es fanden sich keine Meldeadresse um kein Hinweis auf ihr weiteres Leben.
00:47:27: Laut den Unterlagen verlor sich nach ihrem Heimaufenthalt in den Sechzigerjahren jede Spur von ihr.
00:47:34: Ich erfuhr auch dass kaum noch Akten über die ehemaligen Heimkinder existierten.
00:47:40: Die meisten waren längst vernichtet worden, so wie es die Aufbewahrungsbestimmungen vorsahen.
00:47:47: Eine einzige Ausnahme gab es – die Akten der Kinder, die adoptiert wurden, die existierten noch!
00:47:54: Doch ich durfte diese Akten nicht einsehen und bekam auch keine Informationen darüber.
00:47:59: Es schien aussitzlos — von Gabriele fehlte jede Spur.
00:48:03: Doch im Laufe meiner Suche hatte ich etwas gehört.
00:48:07: Es existierte nämlich eine geheimnisvolle Kartei, die man die Makarenko-Kartein nannte.
00:48:13: Makarenco war der späteren Name des Heims in dem Gabriele und Carmen untergebracht gewesen waren.
00:48:20: In dieser Karteie waren auf alten Karten die Heimeinweisungen der Kinder verzeichnet.
00:48:26: Für jedes Kind gab es eine eigene Karte.
00:48:28: Wenn man Glück hatte, fanden sich darauf zusätzliche Hinweise etwa wie lange ein Kind im Heim geblieben oder wohin es danach gekommen war.
00:48:38: Diese alte Makarenko-Kartei war damit die einzig noch existierende Quelle, die vielleicht etwas über Gabriele Schicksal verraten konnte.
00:48:47: Dieses Sammlung wurde beim Berliner Senat aufbewahrt – stellte eine Anfrage!
00:48:53: Ich durfte die Unterlagen zwar nicht selbst einsehen, durch kurze Zeit später erhielt ich eine Antwort.
00:48:58: Die Karte auf der Gabrieles Aufnahme in das Kinderheim dokumentiert worden war – die war tatsächlich gefunden worden!
00:49:06: Sie stammt aus dem Sommer, also aus der Zeit als Anita mit ihrem ersten Fluchtversuch gescheitert.
00:49:14: Doch außer Gabrielles Geburts und Familiendaten enthielt die Karte keine weiteren Einträge.
00:49:20: Keine Hinweise auf die Dauer ihres Aufenthalts, keine Notizen zu einer Verlegung – keinen Vermerk über eine Adoption!
00:49:27: Meine Suche war hier zu Ende.
00:49:29: Von Anita's jüngster Tochter fehlte jede Spur.
00:49:33: Aber dann hatte ich eine Idee….
00:49:35: Ich bat Anita einen Aufruf einzusprechen, den wir im Rahmen unserer Sendung bitte meldetig veröffentlichen würden.
00:49:43: In den sozialen Netzwerken und im Fernsehen batten wir um Mithilfe bei der Suche nach Gabriele – und tatsächlich!
00:49:51: Es meldete sich jemand, der den Aufruff gehört hatte ... Und der Gabriele kannte.
00:49:56: Es war ein Kollege von ihr … und er vermittelte den Kontakt.
00:50:00: Ich
00:50:09: erinnere mich noch ganz genau an diesen Abend, als der Anruf reinkam.
00:50:14: Ich hatte nämlich Telefondienst.
00:50:15: Wir haben uns alle abgewechselt im Team und ich habe diesen Anrufe entgegengenommen von dem Mann der Gabriele kannte.
00:50:22: Du hast dann am nächsten Tag direkt Kontakt mit Gabriele aufgenommen.
00:50:25: Ja
00:50:26: und ich hab sie gebeten ob wir uns treffen können natürlich am liebsten so schnell wie möglich und sie hat auch zugestimmt war zunächst aber sehr skeptisch.
00:50:35: Also man hat ja immer erzählt, dass die Mutter sie einfach im Heim zurückgelassen hat und das sie nur die ältere Tochter mitnehmen wollte aber sie eben nicht.
00:50:45: auch absolut verstehen, dass du da dann total zurückgehalten bist und erst mal skeptisch.
00:50:49: Genau aber klar das das so kommuniziert wurde denn Anita war Republikflüchtig und die Behörden hatten natürlich überhaupt kein Interesse daran Gabriele die wahre Geschichte zu erzählen.
00:50:59: Natürlich haben sie Anita als kaltherzig und egoistisch dargestellt.
00:51:02: In der sind elf Meter ohne Torwart.
00:51:05: eine Tochter wird mitgenommen die andere nicht.
00:51:07: was erzielt du da wenn du böse bist?
00:51:08: ja dich wollte halt keiner.
00:51:10: Und somit hat diese Tochter immer geglaubt, dass die eigene Mama keinen Interesse an ihr gehabt hat.
00:51:17: Das waren Gabriels Worte als wir uns dann getroffen
00:51:20: haben.".
00:51:25: Ja und das
00:51:43: merkt man ja ganz deutlich, wie unglaublich verletzt sie war.
00:51:46: Da hat der Staat ganze Arbeit geleistet.
00:51:48: schön Zweifel zu sehen und einen schönen Graben zu bauen zwischen Mutter und Kind.
00:51:54: Das ist hier erstmal gut gelungen.
00:51:57: Kommt hinzu dass Gabriele ein sehr schweres Leben hatte?
00:52:00: Sie war zuerst bei einer Pflegefamilie, einem Ärzte-Ehepaar Aber dort wurde sie geschlagen und so schwer mishandelt, dass die Behörden sie da rausgeholt haben.
00:52:09: Und wieder zurück ins Kinderheim
00:52:10: gebracht haben.
00:52:11: Dann kamen sie auch noch mal zu einer anderen Familie aber da ging es ja nicht besser also alles sehr schwierig.
00:52:19: Neben diesen ganzen Mishandlungen und Traumata die sie erlebt hat war immer die Frage warum habe mich meine Mama nicht gewollt?
00:52:28: Warum hab' meine Mama mich zurückgelassen?
00:52:30: Wir haben lange miteinander gesprochen.
00:52:33: Ich habe ihr die ganze Geschichte erzählt, die Geschichte ihrer Mutter und ich habe auch gesagt, dass ihre Mutter sie nie vergessen hat, dass sie täglich an sie denkt und das es ihr größter und letzter Wunsch ist, die Tochter in die Arme zu schließen.
00:52:49: Und dann hab' ich schon gemerkt wie sich im Laufe des Gesprächs so alles verändert hat Wie Gabriele sich verändert hat, wie sie sich geöffnet hat.
00:52:58: Die ist ganz still geworden.
00:53:01: Ich war irgendwie dabei, wieso von ihr so eine ganze Last abgefallen ist.
00:53:07: Wenn ich die Geschichte an der anderen Seite höre, öffnet sich langsam mein Herz
00:53:16: Ja und das ist das Schönste und immer auch das Wichtigste vor einer Zusammenführung dass sich die Herzen öffnen.
00:53:26: Und dann hat sich alles leider überschlagen.
00:53:29: Es hatte einen völlig unerwarteten Verlauf genommen, denn plötzlich hat Michael angerufen also Anita Sohn und der hat uns darüber informiert dass Anita mittlerweile im Krankenhaus liegt und dass es ihr etwas besser geht aber das es insgesamt trotzdem gar nicht gut aussieht Und uns war sofort klar, dass wir jetzt gar keine Zeit mehr verlieren dürfen.
00:53:51: Wir haben Michael erzählt das wir Gabriele gefunden haben und haben sofort alles organisiert um die Tochter zur Mutter zu bringen also ins Krankenhaus nach Berlin.
00:54:03: Michael sollte dann Gabriele am Eingang der Klinik in Empfang nehmen und sie zur Mutter bringen und da dürfte jetzt auch nichts mehr dazwischen kommen oder schief gehen.
00:54:13: Wir ließen Gabriele Abhol nur nach Berlin bringen und einige Stunden später fielen Michael und Gabriele sich vor der Klinik in die Arme.
00:54:21: Michael hat uns später erzählt, dass er vom ersten Moment an eine ganz tiefe Verbundenheit gespürt hat als hätten sie sich nie verloren und als wären Sie ihr ganzes Leben lang Bruder- und Schwester gewesen.
00:54:33: Er hat Gabriele dann mitgenommen und gemeinsam gingen sie über die stillen Flure des Krankenhauses hinauf zu der Station auf der ihre Mutter lag.
00:54:42: Dann ist Gaby gleich rangegangen ans Bett, hat ihre Hand genommen.
00:54:47: Wie Gabriele versuchte sie anzusprechen, kam meine Mutter kurzzeitig aus dem Koma heraus, guckte meine Schwester Gaby an und meinte mein Kind.
00:54:59: Meine Mutter hat ja meine Schweste erkannt.
00:55:03: Und insofern bin ich froh dass sie die Möglichkeit hatte nochmal ihre Tochter zu sehen bevor sie halt ehend gegangen ist.
00:55:13: Für Gabriele ist die Begegnung mit ihrer Mutter überwältigend.
00:55:16: Sie hat ihr ganzes Leben lang geglaubt, dass sie nie geliebt und wahrscheinlich vergessen wurde.
00:55:21: Aber hier in diesem Zimmer erfährt sie die Wahrheit.
00:55:24: Ich bin rein im Zimmer, bin auf sie zu.
00:55:27: Und hab versucht, mit ihr zu reden und den Küssen gegeben.
00:55:31: Hab mir die Hand gehalten ... Mit ihr gesprochen.
00:55:35: Also viel Liebe!
00:55:36: Es wäre für mich immer schon da gewesen.
00:55:39: Im letzten Moment finden sie zusammen Anita, die sich ihr ganzes Leben lang so verzweifelt nach der Tochter gesehen hatte und Gabriele, die immer geglaubt hat.
00:55:50: Die Mama hat sie bewusst zurückgelassen.
00:55:53: Bevor einer ihrer höchsten Zähne gewesen gab es noch mal zu sehen.
00:55:58: Nichts anderes war eigentlich so wichtig wie ihre Tochter nochmal Sachen in den Arm zu schließen.
00:56:03: Immer schön gewesen ist noch mehr zu erleben.
00:56:06: Mutter und Kind bleibt nur wenig Zeit denn Anita wird das Krankenhaus nicht lebend verlassen.
00:56:13: Sie verstirbt einige Tage nachdem Gabriele die Klinik erreicht hat.
00:56:18: Ihre Tochter war seit ihrer Ankunft die ganze Zeit bei ihr, sie ist ihr kaum von der Seite gewichen.
00:56:25: Anita ging mit dem Wissen das ihre Tochter verstanden hat und Gabriele blieb mit der Gewissheit zurück dass sie nie wirklich verlassen sondern immer geliebt
00:56:36: worden war.
00:56:37: Und Gabriele, die sich ihr Leben lang entwurzelt gefühlt hatte.
00:56:41: Die nie das Gefühl von Familie kannte, die auch keine eigene Familie hatte.
00:56:46: Sie hat plötzlich eine Schwester und einen Bruder gefunden.
00:56:51: Das finde ich ganz toll!
00:56:52: Ihr glaubt noch meine Familie zu haben... ...und bin ganz, ganz stolz.
00:57:03: Ja und euch geht sicher so wie uns.
00:57:06: es ist beides sehr, sehr traurig auf der einen Seite und auf der anderen Seite so schön dass sie trotzdem noch wenn auch für so kurze Zeit zusammenfinden konnten.
00:57:20: Wir sind in Gedanken bei Anita eine tapfere Frau die nie aufgegeben hat und deren Liebe zu ihrer Tochter bis ganz zum Schluss des Leben bestimmt hat.
00:57:30: Und wir denken natürlich auch und schicken ganz liebe Grüße raus an die drei Geschwister An die drei die sich jetzt haben und die ihre Mama immer im Herzen behalten.
00:57:42: Sylvie, vielen Dank fürs miterzählen dieser sehr bewegenden Geschichte, die wir glaube ich auch nie vergessen werden.
00:57:49: Nein,
00:57:50: vergessen wir nicht!
00:57:51: Wenn ihr uns schreiben möchtet unsere Adresse lautet infoitspurlospodcast.de Und alle weiteren Informationen findet ihr in den Shownotes.
00:58:01: Danke an euch fürs Zuhören das ganz bald und passt aufeinander auf.
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